Blutige Wurzeln - Norman 1976
Die Wohnschnecke hat mich wieder, der Fisch stank aufgrund massiven Energiemangels nicht nur tierisch, sondern geradezu bestialisch, und unangenehmer Weise ist der Pilz wieder da.1 Von den Mäusen, die sich zu ungeahnter Dreistigkeit aufgeschwungen haben, will ich schweigen und lieber ersteinmal vom Winzbuch erzählen. Trotzdem ich gerade einen Dernauer Burggarten von 2000 trinke, hat das gemeine Lieboldsche Winzbuch nicht das geringste mit Winzern zu tun, sehr wohl aber mit dem Jahr 2000. Mit dem Jahr 2000 hat überhaupt eine Menge zu tun, aber das ist eine längere Geschichte, als ich heute Abend nach 6 Stunden Fahrt2 zu erzählen bereit bin.

Das Lieboldische Winzbuch war ein Phänomen, das zwischen 1996 und 2002 weniger wuchs, als vielmehr wucherte. Weniger Romancier als vielmehr Novellist produziere ich in der Hauptsache kürzere Texte3, die keine Bücher im eigentlichen Sinne hergaben4, sondern, druckte man sie tatsächlich einzeln, so süüüüße kleine Heftchen5. Diese hörten 2002 auf zu existieren, auch wenn sie ab 2004 in den Monographien eine kleine Renaissance erlebten.6 Tatsächlich wird aber stets und selbst nach immerhin über fünf Jahren nach diesen kleinen Büchelchen gefragt. Heute – aus verschiedenen und doch zusammenhängenden Gründen – ist jedenfalls eine Entscheidung getroffen: Ab November 2007 wird es wieder Winzbücher geben. Den Anfang machen “Carpe Noctem”, “Venusberg” und “Kulturgeist”, die bis Ende des Jahres erscheinen werden.7 Warum zum Teufel wieder Winzbücher? Ich denke, die vielfältigen Beweggründe lassen sich mit dem Phänomen “Blutige Wurzeln” zusammenfassen. Das an dieser Stelle zu erklären, wäre zu umfangreich und wird Stück um Stück im Philoblog die nächsten Wochen geschehen. Immerhin kaue ich darauf seit Februar herum, und schmecke jetzt erst die Ergebnisse.

Dieselben grundlegenden philosophischen Erkenntnisschübe haben, vom Flackern der Öldruck-Warnlampe inspiriert, auch zur Folge, dass ich mich aus dem Netz zurückziehe. Keine Sorge, ihr lieben durchschnittlich 4.800 Klicks am Tag, diese Webseite wird weiter bestehen und eher noch fülliger denn magerer werden. Ich beziehe mich vielmehr auf all jene Phänomene des “Ich-leb-online”-Zwangs, wie sie schimmelpilzpelzend unsere menschlichen Kontakte durchwuchern. Tatsächlich bin ich wahrscheinlich als Dinosaurier noch relativ uninfiziert, spürte aber bereits Zugzwänge, die mir keinesfalls behagen. Ich habe infolgedessen in der mir eigenen Art eine Bazooka geschultert und kappe sämtliche als in den letzten vier Jahren als definitiv überflüssig verifizierte Zeitfresser der Netzpräsenz. Die Notwendigkeiten in diesen Sphären haben sich selbst negiert, so dass diesbezüglich keine Pflichten mehr bestehen. Wer also in diesem Bezuge den Kontakt zu mir aufrecht erhielt, möge sich bitte in den nächsten 7 Tagen die normal menschlichen Kontaktmöglichkeiten wieder präsent machen, der Countdown tickt.

Zuletzt will ich eine Indiskretion begehen, und es fällt mir dies nicht leicht. Ich nenne es das Phänomen “Prinzessin auf der Erbse“. Es ist mir in den vergangenen 7 Jahren wiederholt in ungeahnter Dichte begegnet, und ich denke, nach sieben Jahren, sieben Brücken und anderen Siebentlichkeiten reicht es nunmehr. Im Grunde ist es sehr verwandt dem Thema, das in Kürze – nach dem Langen Eugen8 – Thema des “Euthanatus” werden wird. Es ist die seltsame Liason von Pflichtgefühl, übersteigertem Selbstgefühl und mittelmäßiger Kunstfertigkeit, die mir so oft begegnet ist, dass sich ein gewissermaßen absolutes Sättigungsgefühl eingestellt hat. Trotzdem das Machismé sein mag, muss ich auch sagen, dass mir dergleichen bisher und ausschließlich nur mit Frauen passiert ist. Frauen, die eher unterdurchschnittlich als mittelmäßige künstlerische Leistungen vollbringen, aber aus unerfindlichen Gründen gänzlich übersteigerte Selbstbilder mitbringen, die unerwartet und sehr schnell jenseits jeglichen menschlichen Miteinanders rutschen können. Das Gefühl, das sich dabei einstellt, ist zwischen ungläubigem Grinsen und schmerzhaft gerunzelter Stirn angesiedelt. Zur Verteidigung des Schönen Geschlechtes muss ich anfügen, dass es hier ausnahmebestätigende Regeln gibt, aber nichtsdestotrotz kann das überaus kuriose Formen annehmen. Beizeiten werde ich die Ausnahmen namentlich nennen.9


  1. Da ist sehr privat und hängt mit dem Brett zusammen. Ich erzähle jetzt nicht mehr davon, denn das ist ein Fall für Hornbach – Yippieijeah! – und wie ich hoffe nächste Woche zwei schöner Tage, wo ich das Dach abheben kann! []
  2. was zwei zusätzliche durch die streikenden Lokführer eingebrachte Stunden bedeutet – mein Gott, waren heute Sonntagsfahrer auf den Straßen, besonders im Osten! []
  3. Seien wir fair mir gegenüber: Es geht hier nicht um Romane, deren ich immerhin sechs produzierte bisher und am siebenten arbeite, auch wenn der eigentlich eine Novelle hätte werden sollen. Es ging und geht stets um die erzählte Zeit. Was soviel heißt als die Zeit, in der ich eine Geschichte an einem Abend erzählen kann, ohne daß meine Zuhörer wie Pudding in den Sitzen hängen und sich meine Zunge wie ein Pelz oder Nöles Bauch anfühlt. Das heißt textuell soviel als zwischen 20 und 30 DinA4-Seiten, im AV-Format gedruckt also zwischen 40 und 60. Das ist kein Buch im eigentlichen Sinne… []
  4. dazu wuchsen sie stets erst später zusammen… []
  5. Genauer gesagt: Ein-Abend-Lektüre-Schmöcker []
  6. Eckstein, Absurdistan, Ruhestand, Spaltenzungen und – inoffiziell – Dichterdämonen. []
  7. Ob ich sie für den Buchhandel freigebe, weiß ich noch nicht, ich vermute eher, dass ich den Winzbüchern die Direktbestellung und die Lesungen vorbehalten werde. Aber auch das ist Teil der blutigen Wurzeln. Wobei die Winzbücher allerdings, darum kommen wir nicht herum, mit ISBN erscheinen werden. []
  8. Den, wie ich hoffe, der 17. November in Vollendung erleben wird! []
  9. Es wird kein KulturGeist-Hörbuch geben, möchte ich damit andeuten. []

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Blutige Wurzeln, zerrissene Netze und die Wiedergeburt des Lieboldschen Winzbuchs