Der positive Aspekt des SmâJeder weiß natürlich, dass jeder Gedanke, den man denken kann, zwangsläufig in unserer Biographie verwurzelt ist. Wir können nicht anders als derjenige denken, der wir nuneinmal sind, der wir nuneinmal geworden sind. Selbst wenn man sich in einen gänzlich fremden Charakter hineinversetzt – beziehungsweise es versucht -, ist es doch immer (sofern wir nicht tatsächlich einen solchen Charakter gänzlich zitieren) nur unser ich hinter einer Maske, einem Filter. Oder ein rein intellektuelles und damit reichlich trauriges Subjekt.

Nichtsdestotrotz ist es ausgesprochen unheimlich zuweilen, wenn sich echt autobiographische Elemente durch irgendeinen nicht genügend abgedichteten Spalt, durch irgendeine winzige, übersehene Ritze in den Text schleichen. Vielleicht gar nicht einmal schleichen. Ein Smâ kann nicht schleichen. Es ist ein siebenköpfiges Monster – das Siebenköpfige Monster der Ambituität, um genau zu sein. Ich habe es in der Tat irgendwann auf zwei Drittel meiner Magisterarbeit aufgeweckt und, trotzdem es ein ungemein hungriges Vieh ist, das juncvrouwen gleich dutzendweise vertilgt, so habe ich es doch auch lieb gewonnen. Jedenfalls – so ich diese Szene stehen lasse, wird es nunmehr “offiziell”. Ob ich diese Sequenz allerdings so stehen lasse, kann ich noch nicht sagen – sie hat sich doch arg zu sehr und hinterhältig in den Text hineingedrängt…

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Der Smâ-Exkurs. [aktuell Seite 126f., Kapitel Begräbnis und herschreckenartiger Einfall der Bild und Express-Reporter.]

“Er [sc. Quirin] stolperte mit dem Kopf voller antiquierter Detektiv-Klischees der Jahrhundertwende herum und glaubte, Licht in irgendein wahrscheinlich noch nicht einmal vorhandenes Dunkel bringen zu können. Dabei hatte er weder das scharfe Auge Sherlocks für Spuren, noch seine Kenntnisse auf den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Gebieten oder sein schier unerschöpfliches Detailwissen über alle möglichen Kriminalfälle – geschweige denn diesen unbeirrbar logisch arbeitenden, präzisen Denkapparat, der Holmes vor allem anderen auszeichnete. Quirin war nicht die vollkommenste Denk- und Beobachtungsmaschine, die die Welt je gesehen hatte, meistens war er ein verwirrtes Häufchen aus Fragen, auf die es keine Antwort zu geben schien. Und vom Aas-Geruch dieser Gedanken unwiderstehlich angelockt, kroch aus einer dunklen Höhle seines Bewußtseins noch etwas anderes hervor. Für Quirin besaß es inzwischen ein Gesicht. Sieben Gesichter, um genau zu sein. Auf den sieben Hälsen eines Drachenrumpfes. Sieben Gesichter mit sieben Mündern und sieben Stimmen, die beständig miteinander stritten. Quirin hatte ihm einen Namen gegeben: Das Siebenköpfige Monster der Ambiguität – Kosename Smâ. Irgendwann während seines intimeren Tête-à-têtes mit dem, was man Wissenschaft nannte, war es aufgewacht und hatte seine Köpfe aus dem Gebirgsmassiv der Gewissheit hervorgestreckt. Es hatte ihm gezeigt, dass das Gebirgsmassiv der Gewissheit so löcherig war wie ein Schweizer Käse. Holmes’ Überzeugung, dass es Fakten gab und aus diesen Fakten zweifelsfrei und eindeutig die Wahrheit zu deduzieren sei, war dem Smâ nichts mehr als ein siebenstimmiges Gekicher wert. Eines der wenigen Dinge, bei dem sich alle Köpfe ansatzweise einig waren. Das, was übrig blieb, wenn Quirin das Unmögliche ausgeschieden hatte, musste nicht die Wahrheit sein, ganz gleich, wie unwahrscheinlich sie auch scheinen mochte. Für Quirin blieben stets mindestens zwei Wahrheiten übrig. Und je mehr er vom dem hatte, was Holmes data nannte, um so mehr Wahrheiten wurden es. Nicht mögliche Wahrheiten. Eine war so wahr wie die andere und alles eine Frage des Kontextes.”


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Das hinterlistige Smâ steckt seine Hälse aus der Höhle