Ehe ich mich ins Auto schmeiße, um zuerst Plakate im Oberhau aufzuhängen, dann Paprika und Chantré zu kaufen und schließlich zum eingeweckte-Rippchen-mit-Reis-und-Paprika-Sahnegemüse-mich-Verwöhnen-lassen mit Anschließender Konsumierung von “I’m Legend” zu brausen, kein Bericht des ausgesprochen angenehmen und symphatischen Interviews1 – der folgt, wenn das ganze erschienen sein wird. Vielmehr ein Schmankerl, wie ich es nur selten vor die Füße werfe. Die Frieda nämlich. Ich habe gerade den ersten Teil des Finales fertig bekommen (Rohfassung, versteht sich). Derjenige welche mit dem Perspektivenwechsel. Ich laß einfach mal lesen, weil ich mich so freue: Das einzige, was nämlich jetzt noch fehlt, ist der Showdown daselbst mit vielen schönen arroganten Holmes-Zitaten, die auszuarbeiten ich mich morgen richtig freue. Ich jedenfalls mach jetzt Feierabend und wünsche einen schönen Abend!
Rohfassung Fridaszene
Als die Nacht gekommen war, stand der Mond als messerscharfe Sichel zwischen wehenden Wolken. Bleich wie alte Knochen waren sie und jagten vor Stern und Mond dahin. Der Wind hing in den Ästen der Kastanien und fauchte und knarrte und ächzte. Eine üble Nacht, Frieda spürte es in den Knochen. Sturmnacht. Ja, eine Nacht, wo die Wilde Jagd durch die Sterne geht und die Welt dünn wird. Sie hatte drei Pullover übereinander gezogen, unter zwei Schichten Rock trug sie dicke, gestrickte Strumpfhosen. Sie wusste nicht, wie lange sie bei Heinz wachen musste, und sie spürte die Kälte schnell in ihren Knochen.
Auf den Gräbern flackerten rot die Lichter der Toten, auch für Heinz hatte sie zwei von diesen Plastikdingern aufgestellt. Das war gut. Ganz im Dunkeln sitzen, das wäre zu viel gewesen. Aus dem Augenwinkel heraus schaute sie zum Grab von diesem Schriftsteller. Sie schaute es lieber nicht direkt an. Allerheiligen war nicht mehr weit, Donnerstag schon. Und sie wusste noch, was die meisten vergessen hatten: Ein Mensch musste ordentlich begraben werden, sonst kam er wieder.
Frieda fröstelte.
Manchmal ging er nur um, das war schlimm genug, aber sie wusste auch, dass die unruhigen Geister nachzehren konnten. Vor dem Tod hatte Frieda schon lange keine Angst mehr, aber vor dem Nachzehren, vor dem Nachzehren fürchtete sie sich sehr.
Wie oft hatte sie es Pater Manfred gesagt!
Diesen Beckmann in geweihter Erde zu bestatten. Sie schüttelte unwillkürlich den Kopf. Seiner Asche die letzte Ölung zu geben. Diesem Ungetauften! Sie seufzte mit einem Zittern und zwang ihren Blick von der Marmorplatte mit den lateinischen Worten weg. Als ob nicht genügte, dass der junge Mann vor seiner Zeit gestorben war[NL1] ! sie wusste, dass einige Wiedergänger nur deswegen umgehen mussten, weil ihre Zeit noch nicht aus war. Und andere, weil sie nicht nach Brauch und Recht bestattet wurden. Und wieder andere, weil sie unnatürlichen Todes gestorben waren.
Dieser Beckmann war keines natürlichen Todes gestorben, er war vor seiner Zeit aus der Welt gegangen, und er war als Ungetaufter in geweihte Erde gebracht worden.
Nein, Frieda fühlte sich gar nicht wohl in dieser Nacht, wo die Wolken beinfarben vor einem Mond hin hetzten, der so scharf und spitz war wie die Sichel des Schnitters.
Sie zog ihr Kopftuch enger um die Schultern und fröstelte.
Ein schmatzendes Geräusch war in den Büschen, und ihr wäre fast das Herz ausgesetzt. Nachzehrer schmatzten in ihren Gräbern, sagte man. Jetzt war es wieder still. Vielleicht ein Igel? Konnten Igel so laut schmatzen?
Wenigstens war dieser gottlose Geschichtenmacher verbrannt. Sie schalt sich selbst. So durfte man nicht denken. Aber er hatte keinen Leib mehr, nur ein paar Handvoll Asche und mürbe Knochen und davon wohl noch die Hälfte da unten in der Asche vom Wohnwagen. Keinen Körper, mit dem umgehen, keinen verwesendes Maul, mit dem er nachzehren konnte.
Sie beruhigte sich ein wenig und griff in die Rocktasche, um ihre Zigaretten heraus zu holen. Sie schüttelte den Kopf, als sie sich an die aufdringlichen Fragen von diesem Hundtemann erinnerte. Was ging es den an, was sie rauchte? Wen ging es etwas an, dass sie sich richtige Zigaretten nicht mehr leisten konnte und das billige Zeug aus dem Plus selber in die Hülsen stopfte? Dieses Zeug, dass vorne rauskrümelte, wenn man nicht aufpasste und schlechter schmeckte als das Kraut, das es nach dem Krieg gab. Ab und an gönnte sie sich eine Schachtel Camel, und dann füllte sie die Packung mit den Gestopften auf. Na und?
Sie brannte die Zigarette an Heinzens Grablicht an, das war ein wenig, als würde er ihr Feuer geben – Heinz war vielleicht ein Bauer gewesen, aber immer wohlerzogen und höflich, sogar nach fünfzig Jahren Ehe noch, und selbst, wenn sie sich einmal gestritten haben. Ein Gentleman, durch und durch. Wenn auch mit wirklich mickriger Rente. Aber deswegen liebte sie ihn nicht weniger.
Sie nahm einen tiefen Zug und musste kichern.
Dieser Bengel, der sich für eine Art Sherlock Holmes hielt und für so unglaublich gebildet – sollte er sich doch über den Haufen Kippen den Kopf zerbrechen, bis er trocken hinter den Ohren geworden war! Sie schnaufte. Am Grab von Heinz herumzuwurschteln, unerhört! Wenig später fühlte sie sich schuldig. Hätte sie ihm gesagt, dass die Stummel von ihr waren, vielleicht wäre es gar nicht so schlimm gekommen? Wegen der blöden Glimmstengel ist er doch erst auf die Idee gekommen mit dem Mord. Und wegen dem Gerede über den Mord kochte im Dorf die Gerüchteküche und deswegen sind diese Reporter gekommen. Die waren das schlimmste. Keinen Funken Anstand im Leib, nein, keine Gentleman, überhaupt nicht.
Das Tor oben stöhnte rostig, Frieda hob den Kopf. Sie kannte das Geräusch gut. Jemand kam auf den Friedhof. Sie kramte in ihrer Rocktasche und holte ihr Handy heraus. Ihr Sohn hatte es ihr geschenkt und geduldig immer und immer wieder erklärt. Blassblau leuchtete die Zeitanzeige:
Kurz nach Mitternacht.
Knochenbleich rasten die Wolken, der Wind heulte. Unter dem rostroten Licht der Straßenlaterne vor dem Friedhofstor stand eine Gestalt. Sie trug etwas Schweres über der Schulter, ein dickes Bündel, das Gewicht ließ sie gebeugt stehen. Sie drehte sich nach recht, nach links, als würde sie ausspähen und sichern. Dann, mit langsamen, angestrengten Schritten schlurfte sie durch das Tor.
Der Wind fing sich zwischen den Hecken und blies Frieda plötzlich von seitlich unten ins Gesicht. Um ein Haar hätte sie laut geschrien. Der Wind brachte noch etwas anderes mit. Frieda fühlte, wie sich ihr die Haare im Nacken und auf den Unterarmen aufrichteten.
Die Gestalt stank nach Tod. Nach Fäulnis und Aas.
Langsam schlurften die Schritte weiter, Ächzen, verhaltenes Keuchen. Der Gestank wurde von Augenblick zu Augenblick stärker. Bis zur Höhe der Schulter ragte die Gestalt über die Hecken. Kein Zweifel, sie bewegte sich geradewegs auf sie zu. Sie wollte hierher, in den letzten Gang. Was geschah hier? Was hatte dieser Hundtemann gewusst, warum hatte er sie gewarnt? Und wovor? Hastig drückte sie die Zigarette im Schotter aus, duckte sich in den Schatten der Hecke und war froh, dass sie auf der Grasnarbe stand, nicht im knirschenden Schotter des Weges. Geduckt huschte sie von der Gestalt, bis zum Ende des Ganges, dann um die Ecke. Hockte sich nieder.
Sie war gerade rechtzeitig hinter die Hecke gekommen, nur einen Moment früher, und sie wäre gesehen worden: Die Gestalt bog in den Gang ein, in dem sie gerade noch gestanden hatte. Sie keuchte immer stärker. Unter großer Anstrengung. Oder vor Gier. Der Gestank war jetzt fast unerträglich, obwohl der Wind fauchte und zerrte und Frieda ein Dutzend Schritte weiter hinter den raschelnd trockenen Buchenblättern kniete.
Die Gestalt blieb stehen. Genau vor dem Rasenstück zwischen den Gräbern von ihrem Heinz und diesem ungetauften BEckmann. Langsam ging sie in die Knie und ließ ihre schwere Last von der Schulter gleiten.
Es hatte etwas Eigenartiges, an welchen Stellen das Bündel im Fallen einknickte, und wo es steif blieb. Es war in dicke blaue Folie eingewickelt und mit Klebeband verschnürt. Trotzdem musste Frieda unwillkürlich an einen menschlichen Körper denken.
Als im Fallen die Folie auseinander klaffte, schlug sich Frieda vor den Mund. Eine weiße, aufgedunsene Hand war heraus geglitten. Eine menschliche Hand. Ein Ring glitzerte am Mittelfinger, bildete eine tiefe Kerbe in aufgequollenem Fleisch. Bewegte sich da etwas unter der Haut? Sie biss sich in die Fingerknöchel und unterdrückte ein Wimmern. Ihr schlimmster Verdacht wurde wahr, als sich die Gestalt über das Bündel beugte und begann, mit einem Messer die Folie aufzuschlitzen. Das Licht von Heinzens Grablichtern fiel direkt in sein Gesicht.
Der Schriftsteller.
Friedas Magen war eine winzige Kugel aus Angst und Eis. Er ging um. Er holte sich Körper, weil er keinen eigenen mehr hatte. Sie hatte es gewusst, sie hatte den Priester gewarnt. Aber er hatte den Ungetauften in geweihte Erde gelegt.
Wiedergänger.
Nachzehrer.
Sie hatte ihn einige Male gesehen. Er hatte sich nicht sehr verändert. Nur der Mund, der Mund war zu einer Schnauze geworden. Ein Gesicht, das mit der Nase zur vorgewölbten Schnauze eines Tiers geworden war. Die Schnauze eines Nachzehrers, eines Gierrachs, eines blutsaugenden Wiedergängers.
Sie verfluchte ihr schlimmes Auge. Kam der milchige, unheilige Lichtschein um den Ruhelosen vom Star, oder war er wirklich da?
Der Gestank nach Verwesung war fast unerträglich geworden, die Leiche lag in schmutzigem Nachthemd auf der blauen Folie, ihr Bauch war aufgedunsen. Das Gesicht unkenntlich geworden, ganze Stücke schienen zu fehlen. Anstatt dessen – sah sie richtig, bildete sie es sich ein? – schien es zu wimmeln. Hatte der Nachzehrer nur einen toten Leib geraubt? Oder hatte er mit seinem unheiligem Maul einen Lebendigen ausgezehrt, bis er ihm nachgefolgt war? Und wie viele hatte er schon nachgezogen, um wieder Gestalt annehmen zu können?
Jetzt nahm der Tote die Blumen von Heinzens Grab. Ganz behutsam, eine nach der anderen. Dann die Grablichter, den Kranz. Sie wusste nicht woher, hatte er einen Spaten in der Hand und begann zu graben. Sie musste etwas tun! Das konnte sie nicht zulassen! Das war sie ihrem Heinz schuldig! Mit vor Angst zugeschnürter Brust huschte sie den anderen Gang hinauf, dann noch zwei weiter. Hier konnte sie es wagen. Frieda zog ihr Telefon aus der Rocktasche, dann suchte sie den Zettel, den der Schnüffler ihr gegeben hatte. Sie hatte ihn zu den anderen in ihre Ledermappe gesteckt. Da war er. Sie tippte die Nummer ein, drückte die grüne Taste mit dem Hörer darauf, hielt das Gerät ans Ohr.