In der Tat, in der Tat, es ist gerade ein wenig still hier im Blögchen, da muß nicht gemault und gemotzt werden, denn wie vermerkt befinde ich mich in Schreib-Klausur. Das ist bitter nötig, bedenkt man, daß übernächste Woche Samstag der “Gläserne Sarg” erschienen sein wird. Schlimm genug, daß ich hier keine andere Wahl habe, als das Futur 2 zu gebrauchen, denn ein zurück gibt es nicht mehr. Wie dem auch sei, Bauer W*1 befindet sich gerade nach der Begegnung mit vier musizierenden Steinbruch-Nymphen und – viel schrecklicher – mit einer Art mutierten Politesse auf dem besten Wege in die Manie, was soviel heißt als daß ich gut in der Zeit liege, ist damit doch der erste Teil der grob dreigliedrigen Novelle faktisch abgeschlossen. Auch wenn ich eine gelinde Unsicherheit verspüre, mit dem gewählten adjektiv- und partizipienreichen Plauderstil die richtige Wahl getroffen zu haben, ist er doch dem Stoff so inhärent, daß es sich nur um die notwendige selbstkritische Haltung handelt.

Wird gewünscht, meiner Stimme lauschen zu können, so möge man am Donnerstag nächster Woche das Radio (Radio Bonn-Rhein-Sieg) einschalten, wo ein umfängliches Interview gesendet werden wird anläßlich des Schmökertages. Ansonsten hat man natürlich die Möglichkeit, mich live und in Farbe am darauffolgenden Samstag im Schönsten Bunker Siegburgs mit der ganzen, kompletten und vollständigen Geschichte zu erleben, das ganze improvisiert-talentiert licht- und geräuschhaft begleitet.

Ansonsten ist abgesehen davon, daß ich mich begeistert an Bärlauch kugelrund fresse, da er in rauen Mengen im Leipziger Auenwald wächst und grünt und duftet, kaum etwas zu berichten. Ich befinde mich sozusagen vollständig in der Virtualität meiner Geschichte. Überaus ärgerlich ist allerdings, daß mir mein Vaio dahingehend in den Rücken gefallen ist, daß er die “L”-Taste hat fallen lassen. Und zwar samt dieser sinnlos piepeligen Halterungen für diese filigranen Plastikärmchen, die die Taste halten. Es ist Wucher, daß Sony für eine Ersatztastatur schlappe 140 Euro haben will (wir reden hier von einer Tastatur!) und zwei Wochen Lieferzeit veranschlagt. Ich habe mir mit Sekundenkleber und einer zerschnittenen Streichholzschachtel (auf höchst findungsreiche Weise gefalzt) eine neue Taste gebaut, die sogar ziemlich gut funktioniert. Ausgerechnet das “L”! Naja, eine neue Tastatur ist eh fällig, nach anderthalb Jahren habe ich schon überall die Buchstaben herunter-getippt…

Anbei wieder eine kleine Leseprobe, frisch aus der Tastatur. Ich wäre nebenbei gar nicht einmal so traurig über kommentierende Worte bezüglich des Eindruckes, den die Passage erweckt. Als Paratext bietet sich nebenbei der Bogeitrag “Überwachungsstaat? I wo!” vom 16. Juli letzten Jahres an, der Tag im Übrigen, der gerne als die Geburtsstunde der Idee zum “Gläsernen Sarg” betrachtet werden kann.

Rohfassung “Gläserner Sarg”, Auszug 3. und 4. Abschnitt

[3.]

[...]

Hinter dem grünen Schild von Bennau wand er sich zwischen der Handvoll Häuser hindurch, bog von der Basalt- auf die Steinstraße und rumpelte den unbefestigten Weg ein paar hundert Meter hinunter. Zufrieden nickte er an der rotweiß geringelten Schranke, die das Ende des Weges bezeichnete. Zwar hatte sich auch hier Bonner Blech her verirrt, aber es waren nur zwei Kleinwagen. Er stellte den Fendt dahinter und griff sich sein Buch von der Ablage – 1984 von George Orwell. Ein Blick durch die Scheiben der Autos zeigte gebatikte Tücher über den Sitzen, Traumfänger am Rückspiegel, zwei indische Tabla-Trommeln auf der Rückbank und bei dem einen ein faustgroßer Kristall dort, wo sonst die Christopheros-Plakette klebte. Mit esoterisch angehauchten Ökos konnte er durchaus leben – sie mochten gerne und oft zu viel reden, aber sie hatten vernünftige Ansichten über Ackerbau und bezahlten gut, wenn sie auf den Hof einkaufen kamen, um mit begeisterten Mienen ihre Eier selbst aus allen Ecken zusammen zu suchen.

Bennau und den Steinbruch hier als Arsch der Welt zu bezeichnen, wäre geschmeichelt gewesen. Nichtsdestotrotz prangte an ungelogen jedem zweiten Baum irgendein rot umrandetes Schild. Und die Dichte nahm noch zu, während er sich auf dem Trampelpfad dem Steinbruch näherte. Der Boden war mit einem dichten Teppich weiß blühender Buschwindröschen überzogen. Auch der Wald stand in weißen Blüten: Wohl wegen der unmöglichen Hitze hatten die Robinien ihre Blütentrauben schon jetzt duftend in den Wind gehangen. Dazwischen glitzerte türkisblau lockend das Wasser des Steinbruchs. Von unten kam glockenhelles Lachen. Bauer W* schwamm durch Blüten und Düfte und fühlte sich wie ein junger Faun, der nach Nymphen jagt. Vorsichtig kletterte er den steilen Pfad zum Wasser hinunter. Als er unten ankam, blickten ihn vier Paar große Augen entgegen. Braun, Blau und Jadegrün. Auf dem Boden war eine bunter Quilt ausgebreitet, in einem Haufen lagen Kleider und Blusen aus Leinen in Naturfarben. Die Mädchen waren nackt und versuchten mit zu wenig Händen zu viel sehenswerte Stellen zu bedecken. Er lächelte und bedeckte nicht ohne schelmischem Humor die Augen mit der Hand, bis sie sich ein paar Stofffetzen geangelt hatten. Vorsichtig wurde zurück gelächelt. “Es ist ein guter Tag”, befand er, “wenn ein alternder Faun sich den Staub vom Weizenfeld abspülen geht und ihn vier Nymphen überraschen, die so bezaubernd lächeln können.” Die Mädchen lachten ihr glockenhelles Lachen, die Angst war aus den Augen verschwunden. “Ich will nur eine Runde schwimmen”, erklärte Bauer W*, um ihnen auch die letzte Sorge zu nehmen, er könnte der Steinbruch-Besitzer oder ein Ordnungshüter sein. Mit einem inneren Lächeln quittierte er, dass seine Stimme einen halb rauen, halb dunkel-samtigen Tonfall angenommen hatte. Ganz so alt, wie er sich an manchen Tagen fühlte, war er offenbar doch noch nicht, und wenn er ehrlich war: Er machte noch etwas her, trotz weißer Haare. Die Arbeit auf dem Feld hatte seine Muskeln nicht eintrocknen lassen, und die stahlblauen Augen hatten seinerzeit so manches Herz schneller schlagen gemacht. Er schüttelte den Kopf: Die Mädchen waren höchstens zwanzig, und er war kein ewigjunger Wald- und Wiesengott mit Bocksfüßen und Dauerständer. Diese elenden Tabletten verdarben in dieser Hinsicht jede falsche Hoffnung. Er grinste. Trotzdem: Es war ein guter Tag. Ein bisschen ästhetischen Genuss gönnte ihm der Alte Herr da oben offensichtlich doch. Mit höflicher Verbeugung erklärte er, eine Badebucht weiter sich ergehen zu wollen, wenn es die holden Waldfeen nicht störe. Die Mädchen lachten, und Bauer W* kletterte den schmalen Steig weiter, bis er an eine winzige Badebucht kam, gerade groß genug, sein Badetuch auszubreiten.

Mochte es im April auch zweiundreißig Komma fünf Grad Celsius im Schatten werden – das tief reichende Wasser in diesem Kessel mit steilen Wänden verhielt sich ganz so, wie es Wasser im April nun einmal tut – Bauer W* sog scharf die Luft ein, als er hinein stieg, so kalt war es. Er ließ sich natürlich nichts anmerken, immerhin lagerten die vier Nymphen hundert Meter weiter, und als er schließlich eingetaucht war und mit weiten Schwimmzügen seine Kreise zog, war es herrlich. Das leicht schmerzhafte Brennen der Kälte auf seiner Haut ließ ihn den stickigen Staub der Feldarbeit vergessen, die raumgreifenden Bewegungen lösten die Spannungen in Rücken und Schultern, die nach zehn Stunden auf dem Trecker schmerzhaft wurden – dreipunktluftgefederte Kabine hin oder her. Nach einigen Bahnen drehte er sich auf den Rücken, ließ sich von den Wellen treiben und schaute in den schon unverschämt blauen Himmel. Am Ufer spielte eine der Nymphen Flöte, eine andere trommelte mit scheuer Zurückhaltung einen leisen Rhythmus, die dritte – Bauer W* lächelte angerührt und fühlte sich beschenkt – hob einen feinem, silberhellen Gesang an. Vielleicht war er doch ein Wald- und Wiesengott, jedenfalls fühlte er sich so, wie er hier draußen auf den Wassern trieb, über sich den Himmel, unter sich kristallklares Wasser und mit Gesang und Flötenspiel verwöhnt. Als es arg zu kalt wurde, schwamm er langsam zurück, setzte sich auf das Badetuch und griff nach seinem Lesestoff. Eigentlich war dieses düstere Buch gar nichts für so einen Feierabend, nackt an einem türkisenen Bergsee mit blühenden Robinien und musizierenden Ökonymphen, aber sein Sohn hatte es ihm ans Herz gelegt. Er wusste, dass Thomas stolz darauf war, dass sein Vater – über sechzig und Bauer – sich mit politischen und gesellschaftlichen Themen beschäftigte, viel las und das trotz seiner Krankheit. Und vielleicht war es sogar der denkbar beste Moment, es zu lesen: Der strahlende Sonnenschein, das saubere Wasser, die musizierenden jungen Menschen voll Lebenskraft, das schuf ein gutes Gegengewicht, wenn das Buch zu deprimierend sein sollte.

“Es war ein klarer, kalter Tag im April, und die Uhren schlugen gerade dreizehn”,[i] las er und folgte Winston Smith durch das nach Kohl und nassen Fußmatten riechende Treppenhaus. Bauer W* fand es sympathisch, dass Winston über dem rechten Fußknöchel dicke Krampfaderknoten hatte und die sieben Treppen zu seiner Wohnung langsam und mit Pausen gehen musste.[ii] Mit so einem Helden konnte er sich besser identifizieren als mit diesen hochglanzpoliert patriotischen Hollywood-Weltrettern, die ständig aus irgendwelchen Fenstern sprangen, durch Explosionen und Glaswände hechteten und sich danach die Haare aus der Stirn strichen, um mit einem schlagfertigen Spruch einfach weiter zu machen. Es lief ihm eiskalt den Rücken hinunter, als er vom Televisor las, dem Hörsehschirm, der nicht nur zeigte, sondern über den die Gedankenpolizei[iii] jeden jederzeit im Bick hatte. Er schlug das Buch vorn auf. 1949, las er, war das Jahr der Erstveröffentlichung. Jetzt erinnerte er sich an die Antwort seines Sohnes, als er ihn nach dem seltsamen Titel fragte: “Orwell hat einfach die Zahlen des Jahres herumgedreht, in dem er das Buch schrieb”, hatte Thomas gesagt. “Er wollte damit zeigen, dass das sehr schnell Realität werden kann.” Die Nymphen hatten aufgehört zu musizieren, er hörte Stimmen, darunter eine männliche. Aber er wollte nicht für neugierig gelten, schon gar nicht, wenn es sich um hübsche nackte Mädchen handelte, machte es sich also auf seinem Handtuch bequem und las weiter. “Krieg bedeutet Frieden”, das war der erste Wahlspruch der Partei. Bauer W* ließ das Buch sinken und schaute nachdenklich ins Leere. Er verstand, warum Thomas ihm das Buch gegeben hatte. Das war starker Tobak. Als die Amis begannen, von Bösen Achsen zu faseln, die den Weltfrieden bedrohen und deswegen bekriegt werden müssen, war ihm auch so ein Gedanke durch den Kopf geschossen. “Krieg bedeutet Frieden”, das war klug beobachtet von diesem Orwell, das und der Drang nach totaler Überwachung.

Er führte den Gedanken nicht zu Ende. Eine Bewegung direkt über ihm zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Vor den hängenden Blütentrauben der Robinien, wo er eine ganze Zeit lang mit leerem Blick hingesehen hatte, stand jemand und starrte zurück. Er trug eine gelbe Warnweste über einem feisten Bierbauch, ein überaus beflissenes, glattrasiertes Bürokratengesicht mit Halbglatze und winzigen Schweinsaugen. Auf der erhabensten Stelle seines Wanstes balancierte eine große Photokamera mit überdimensioniertem Objektiv. Bauer W* war so perplex, dass dieses Wesen so stumm dort stand und auf ihn herab glotzte, dass er kein Wort heraus bekam. Und Bauer W* war alles andere als auf den Mund gefallen.

“Sie wissen, dass das verboten ist?” Der Mann in Leuchteweste stemmte wurstfingerige Hände in die Seite und setzte ein vorwurfsvolles Gesicht auf.

Die Überraschung über das plötzliche Erscheinen dieses Mannes machte Entrüstung Platz. “Sich nackt von irgendwelchen angefetteten Männern anstarren lassen?” fragte Bauer W* mit jenem schleichenden Ton in der Stimme, der vernünftige Menschen dazu brachte, vorsichtiger und vor allem höflich zu werden. “Meinen Sie nicht, dass Sie mich erst einmal etwas anziehen lassen sollten – egal was Sie von mir wollen?” Das Ding über ihm blies sich regelrecht auf, fummelte an einem Namensschildchen herum, das über seiner rechten Brust befestigt war und halbwegs offiziell aussah.

“Das ist Trinkwasserschutzgebiet!” krähte es. “Betreten verboten! Und Baden sowieso!” Die Stimme des Mannes steigerte sich und drohte überzuschnappen. Er starrte immer noch auf Bauer W* hinunter, und Bauer W* trug immer noch keinen Faden am Leib. “Sie machen sich einer Gesetzesübertretung schuldig, und ich sage Ihnen, dass wird Folgen haben!”

“Ist Voyeurismus eigentlich strafbar?” Bauer W* fühlte eine anschwellende Wut in sich. “Haben Sie die Mädchen da vorn auch so unverschämt angeglotzt? Oder vielleicht sogar Photos von ihnen gemacht, für zuhause?”

Das Gesicht samt Ohren und Halbglatze schwoll rot an. “Das ist unerhört!” fiepte es. “Ich tue hier meine Pflicht! Hier ist Baden verboten, hören Sie? Und Ihre Nacktheit stellt, wenn überhaupt, eine Ordnungswidrigkeit dar. Das wäre ja noch schöner, wenn jeder nackt herumlaufen könnte, wie er wollte! Ordnung muss sein, mein Herr!”

“Sie können mich mal mit Ihrer Ordnung”, erklärte Bauer W* trocken. Und während die Leuchteweste sich unter wachsender Entrüstung immer mehr blähte, erklärte er dem Möchtegern-Beamten: “Ich komme hier seit meiner Kindheit her. Und wenn Sie’s genau wissen wollen, Rudolf Märker ist ein persönlicher Freund von mir.” Die Schweinsaugen glotzten ins Uhrwerk. “Märker ist im Vorstand der Basalt AG. Der gehören die ganzen Steinbrüche hier. Wissen Sie, was der meint? Wir stellen die Schilder auf wegen der Versicherung. Wer hier ersäuft, tuts auf eigene Gefahr. Der Märker, der wird nur stinkig, wenn man in den Seen angelt. Das will er nämlich schön selber machen.”

“Dieser See gehört nicht mehr der Basalt AG”, erklärte die Leuchteweste und warf sich in die Brust. Es ist jetzt Trinkwasserreservoir der Gemeinde Asbach. Und Betreten, Lagern und Baden ist verboten. Können Sie nicht lesen?”

Bauer W* schaute auf das Buch in seiner Hand und wurde langsam ernstlich sauer. Diese Witzfigur hatte ihm nicht nur seinen wohlverdienten Feierabend verdorben, sie wurde regelrecht beleidigend. Frustriert bückte er sich, um sich sein Hemd zu angeln. Der überhebliche Ausdruck, der sich jetzt auf dem feisten Schädel über ihm auszubreiten begann, trug nicht im geringsten dazu bei, seine Stimmung zu heben. Es war das ekelerregend machtgeile Lächeln, das so typisch ist für schwache Schleimbeutel, die das System in ihrem Rücken und sich im Rahmen der Gesetzesparagraphen wissen. Mit seiner hohen Fistelstimme erklärte der süßlich lächelnde Mund: “Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass Sie hier rauskommen ohne ein saftiges Bußgeld und eine Verwarnung?” Er lachte gekünstelt und streichelte das überdimensional lange Objektiv seiner Kamera – eine Geste, die an Obszönität kaum etwas zu wünschen übrig ließ ist. “Ich habe Sie nämlich fotografiert!”

“Sie haben – was?”

“Ja genau, sie haben richtig gehört!”

Bauer W* stand und starrte auf die fleischgewordene Selbstgefälligkeit über sich. Am Rande war ihm durchaus bewusst, dass er nicht gerade ein sehr beeindruckendes Bild abgeben musste – vom Bauch abwärts nackt mit halboffenem Hemd und barfuß, das Schamhaar genauso weiß wie das auf seinem Kopf -, aber das war ihm im Moment gleichgültig. “Sie erzählen mir hier allen Ernstes, dass Sie mich nackt photographiert haben, und das mit einer dermaßen schmierigen Grinsen? Geben Sie die Kamera her, aber ein bisschen plötzlich. Und dann will ich Ihren Namen und Ihre Dienstnummer oder was Sie sonst haben – wie ein richtiger Polizist sehen Sie Witzfigur nämlich nicht aus!”

Der Mann plusterte sich auf und zog eine Pappkarte aus der Leuchteweste, die in Plastik eingewickelt war und soweit es auf die Entfernung zu erkennen war, ein Passbild und irgendeinen Stempel aufwies. “Ich bin eine Dienstkraft!”

“So sehen Sie auch aus!”

“Es erfülle hier die mir von der Gemeinde aufgetragene Aufgabe!”

“Nackte Mädchen beim Baden in Steinbrüchen photographieren?” Bauer W* konnte nicht glauben, was hier geschah. “Sind Sie noch ganz bei Trost?” Er verfluchte die fast zwei Meter hohe Uferkante, die ihn von dem Trampelpfad trennte, der um den Steinbruch lief. Sonst wäre er mit einem Satz bei dieser komischen Steinbruchpolitesse gewesen – oder was auch immer für eine Art Dienstkraft das sein sollte. Er hätte sie den verdammten Film aus seiner beschissenen Schwanzersatzkamera fressen lassen. Die Steinbruchpolitesse, wahrscheinlich eine Kreuzung zwischen Troll und Eunuch, schien das zu spüren und wich einen Schritt hinter den Stamm einer kleinen Eiche zurück.

“Ich habe es diesen unverschämten Gören schon erklärt”, piepste er. “Ich habe Sie photographiert, und ich kann jetzt einfach gehen. Ich war nur so höflich, sie über die von Ihnen begangene Ordnungswidrigkeit zu informieren. Ihre Personalien brauchen wir gar nicht! Und wenn Sie mich weiter so gewaltbereit anstarren, dann werde ich veranlassen, dass es mehr wird als nur eine Ordnungswidrigkeit!” Er grinste schleimig und kommentierte den wohl etwas begriffsstutzigen Blick von Bauer W* mit einem kurzen Auflachen. “Ja, das ist moderne Technik. Digital. Ich schicke gleich das Bild von Ihnen über das Internet an die Zentrale in Neuwied, und die lassen es durch die Datenbank laufen.” Er schwoll förmlich an vor Stolz. “Und ratzbatz, ich sage Ihnen: Ratzbatz! Haben wir Sie gefunden. Sie haben doch einen Reisepass? Aber natürlich haben Sie einen. Ich sage nur…” – sein Tonfall wurde jetzt dozierend – “Biometrie! Ein Frontalbild reicht, und noch nicht einmal in der Qualität, wie sie mein Baby hier liefert! In drei Tagen haben Sie Ihren Bußgeldbescheid, das garantiere ich Ihnen!” Ohne seinen Namen genannt zu haben wuselte er auf eine Weise den schmalen Weg davon, die durchaus an Flucht erinnerte. Bauer W*, nur mit Hemd bekleidet, von der Hüfte abwärts nackt, starrte ihm hinterher wie einer Erscheinung. Er dachte nur am Rande daran, ihm hinterher zu rennen. Das ganze war zu unwirklich. Er knöpfte sein Hemd langsam zu, zog Hose und Stiefel an. Irgendwo weiter oben war das helle Rasenmäher-Geräusch eines kleinen Mopeds zu hören, und bei dem Bild dieser lächerlichen Gestalt mit weit abstehenden Knien auf dem winzigen Gefährt ließ ihn schief grinsen. Menschen gab es, unglaublich. Er kraxelte die Uferböschung hinauf und machte sich auf den Heimweg. Der sonnige Feierabend mit gutem Buch am See war ihm gründlich verdorben worden, und die singenden und klingenden Nymphchen waren ebenso verschwunden, wie die Sonne bald hinter der hohen Steilwand verschwunden sein würde.

[4.]

Es geschah irgendwo auf dem Weg zu seinem Fendt.

Wenn einfach gesagt würde, dass ein bereits hypomanischer Habitus an diesem Punkt begann, in eine ausgeprägt manische Phase umzuschlagen, so würde ein gänzlich falscher Eindruck entstehen. Bauer W* begann sich nicht von einem auf den anderen Moment für einen Auserwählten zu halten, er wurde nicht von einem durch nichts zu trübenden Optimismus erfüllt oder plötzlich aus dem Nichts entstehenden Tatendrang. Er fühlte sich weder auf wunderbare Weise verjüngt noch schleuderte er seine Zahnprothese in weitem Bogen in den Bennauer Steinbruch in der Überzeugung, seine Beisserchen würden schon nachwachsen.

Bauer W* – Orwells “1984″ in der Gesäßtasche – hatte, während er den schmalen, von blühenden Buschwindröschen gesäumten Trampelpfad hinauf kraxelte, das Gefühl, etwas zu begreifen. Mit jedem Schritt, den er auf der kaum fußbreiten lehmbrauen Spur zwischen den knotig verwachsenen Robinienstämmen vor den anderen setzte, schien es ihm, als ob er etwas deutlicher sah, das die ganze Zeit schon dagewesen war. So wie die Drähte und Flaschenzüge, Rollen und Hebebühnen immer schon hinter der Theaterkulisse gewesen sind, man sie aber erst dann sieht, wenn ein technisches Versagen die Hintergrundmalerei von der Deckenbefestigung reißen und auf die Bühne stürzen lässt – und plötzlich die ganze Maschinerie in ihrer brutalen Zweckmäßigkeit da steht. Und man nie wieder eine Theaterkulisse sehen kann, ohne zugleich die Maschinerie dahinter zu ahnen. Aber das Begreifen jetzt kam nicht mit jener auf den Moment gebündelten Wucht wie bei seiner ersten Frau, als sie ihm ins Gesicht schrie, dass sie ihn nie geliebt und nur wegen seines Geldes geheiratet hatte. Und ob er vielleicht geglaubt hatte, irgendeine Frau würde jemanden lieben können, der verrückter war als ein Sack Affen auf Speed. Es war mehr ein schleichendes Begreifen, als langsam seine Entrüstung darüber abflaute, dass dieser schmierige Typ in Leuchteweste mit seiner dicken Kamera im Steinbruch herumkroch und nackte Leute photographierte. Der erste Schritt dieses Begreifens war die Erkenntnis, dass ihm dieses denkwürdige Erlebnis nicht geschehen war, während er am Kölner Bahnhof ein paar Kilo Kokain an sonnenbebrillte Gangster weiterreichte. Er hatte sich den Staub von der Feldarbeit in einem Steinbruchsee abspülen wollen, in dem er schon als Rotzbengel geschwommen war. Irgendwo hinter den Sieben Bergen, am Arsch der Welt – in Bennau mit seinen vielleicht sechzig Einwohnern, wenn es überhaupt so viele waren.

Er erreichte die Böschung und blickte in den lichten, duftenden Wald aus Eichen, Birken und Robinien hinein. Ungelogen: Man hatte an wahrscheinlich jeden verdammten zweiten Baum ein großes Schild befestigt. Auch welche, die auf schützenswerte Natur hinwiesen und mehr als ein Meter hoch ganze Regelkataloge aufführten mit Bußgeldandrohungen bis hin zu 100.000 Euro. Absurderweise hatte man die Tafeln mit riesigen Neunzoll-Nägeln befestigt, die in die Bäume hinein getrieben waren. Er zweifelte ernstlich an der geistigen Gesundheit der Leute, die das verordnet hatten. Wobei die, die diese Dutzende und aber Dutzende von Schildern an die Bäume genagelt hatten, auch nicht besser tickten. Dieser Staat musste wirklich zu viel Geld haben, wenn er Wälder am Arsch der Welt mit teuren Verbotsschildern pflastern ließ und Beamte abkommandierte, die hier Patrouille liefen mit schweineteuren Digitalkameras. Beziehungsweise – Bauer W* blieb vor seinem Fendt stehen und fühlte eine Mischung aus Grauen und jenem euphorischen Gefühl, das man bekommt, wenn man plötzlich ganz klar sieht. Wenn dieser Staat schon am Arsch der Welt in dieser Weise überwachen ließ, im vielleicht unbekanntesten Steinbruch-See im ganzen Siebengebirge – wie mochte dann die Situation erst in den anderen Gebieten Deutschlands aussehen?

[...]


[i] “Es war ein klarer, kalter Tag im April, und die Uhren schlugen gerade dreizehn.” (Orwell, George: Neunzehnhundertvierundachtzig. Frankfurt a. M., Berlin, Wien 1976. S. 5) Original: It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thirteen.”

[ii] Die Wohnung lag sieben Treppen hoch, und der neununddreißigjährige Winston, der über dem rechten Fußknöchel dicke Krampfaderknoten hatte, ging sehr langsam und ruhte sich mehrmals unterwegs aus. (Orwell, George: Neunzehnhundertvierundachtzig. Frankfurt a. M., Berlin, Wien 1976. S. 5) Original: “The flat was seven flights up, and Winston, who was thirty-nine and had a varicose ulcer above his right ankle, went slowly, resting several times on the way.”

[iii] Der Televisor war gleichzeitig Empfangs- und Sendegerät. Jedes von Winston verursachte Geräusch, das über ein ganz leises Flüstern hinausging, wurde von ihm registriert. Außerdem konnte Winston, solange er in dem von der Metallplatte beherrschten Sichtfeld blieb, nicht nur gehört, sondern auch gesehen werden. Es bestand natürlich keine Möglichkeit festzustellen, ob man in einem gegebenen Augenblick gerade überwacht wurde. Wie oft und nach welchem System die Gedankenpolizei sich in einen Privatapparat einschaltete, blieb der Mutmaßung überlassen. Es war sogar möglich, daß jeder einzelne ständig überwacht wurde. Auf alle Fälle aber konnte sie sich, wenn sie es wollte, jederzeit in einen Apparat einschalten. Man mußte in der Annahme leben – und man stellte sich tatsächlich instinktiv darauf ein -, daß jedes Geräusch, das man machte, überhört und, außer in der Dunkelheit, jede Bewegung beobachtet wurde. (S. 6.) Original: The telescreen received and transmitted simultaneously. Any sound that Winston made, above the level of a very low whisper, would be picked up by it, moreover, so long as he remained within the field of vision which the metal plaque commanded, he could be seen as well as heard. There was of course no way of knowing whether you were being watched at any given moment. How often, or on what system, the Thought Police plugged in on any individual wire was guesswork. It was even conceivable that they watched everybody all the time. But at any rate they could plug in your wire whenever they wanted to. You had to live _ did live, from habit that became instinct _ in the assumption that every sound you made was overheard, and, except in darkness, every movement scrutinized.



  1. Und ich glaube, ich lasse diesen Arbeitsnamen sogar stehen, weil er so schön als Winston aus “1984″ lesbar ist… []

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