Der Märchensee, offen gelassener Steinbruch im Siebengebirge
Eine liebe Freundin, die von hinten genauso gut zu lesen ist wie von vorn und vom Vormärz genau wie vom Dadaismus gerne benutzt wurde, meinte vor langen Jahren einmal kritisch in Bezug auf meine literarische Produktion, daß sie überhaupt nicht verstände, warum ich denn nicht schriebe, wie ich sie so wortreich zu unterhalten die Fähigkeit besäße. Tatsächlich brauchte ich bei ihr mehr als zwölf Jahre, bis zu meiner gänzlichen Überraschung ein begeistertes “Es geht doch, oh Musensohn!” kam und mein fester Glauben, niemals dieser besonderen und hochgeschätzten Person ein Wort der Anerkennung entringen zu können, zutiefst erschüttert wurde. Das ist zwei Wochen her und bezog sich auf den “Dichterbrand“. Interessanterweise also bei einem Roman, an dessen Qualität ich während des Ringens und Schreibens mehr zweifelte als an allen Texten zuvor.1 Ich erzähle das, um mir gewissermaßen selbst vor Augen zu halten, daß solcherartiges Empfinden gerade in den drei maßgeblichen Phasen des Schreibens2 wie immer ganz notwendig dazu gehört, damit es gut wird. Dieser Post hat zudem die schlichte Funktion zu dokumentieren, daß ich den Prolog gerade abgetippt habe, das weiße Blatt damit beschmiert ist und ich zudem in diesem Prolog der Lust des leserkitzelnden Schwafelns ganz lasziv nachgegeben habe – natürlich etwas, das jetzt mit dem Beginn der erzählten Handlung zugunsten eines luftigeren Stiles abgeschwächt werden wird. Ich bin so frei, den Prolog an dieser Stelle in Rohfassung zum Hineinlesen online zu stellen.


[1.]

Wenn es heiß genug wird, verlieren Verbote ihre Bedeutung.

Selbst in Deutschland.

Wobei im Rheinland die dafür notwendige Temperatur gemeinhin etwas niedriger ausfällt als anderswo.

Vielleicht liegt das in der alljährlichen Erfahrung, dass vor der Fastenzeit Anstandsregeln ebenso wie geschriebene und ungeschriebene Gesetze für einige Tage ausgehebelt werden können, ohne dass das Weltgefüge in sich zusammen oder der Himmel einem auf den Kopf fällt. Verordnungen jeglicher Art dürften infolge dessen hier auch den Rest des Jahres einige Schwierigkeit haben, sich für unumstößliche Naturgesetze zu verkaufen. Wie heiß es in anderen Regionen Deutschlands her gehen muss, damit Verbote ihr Gewicht verlieren, mag von Fall zu Fall verschieden sein. Im Rheinland – speziell im Siebengebirge – liegt die notwendige Temperatur bei ziemlich genau Zweiundreißig Komma fünf Grad Celsius im Schatten. Wobei nicht vergessen werden darf, dass die sieben Berge von je her eine etwas heißere Gegend als andere. Nicht etwa, weil in ihren Klüften und Spalten einst der Lindwurm feuerspeiend umher kroch, den jung Siegfried erschlug. Nicht etwa, weil nicht weit davon entfernt die Alliierten mit dem Wunder von Remagen den Rhein überwanden und ein neues Kapitel der deutschen Geschichte begannen. Und ganz bestimmt nicht, weil direkt gegenüber jenes Provinzstädtchen vor sich hin träumt, das infolge des erwähnten Wunders von Remagen einundvierzig Jahre lang Hauptstadt genannt worden war. Sondern, weil es hier von Anfang an magmatisch heiß im Untergrund brodelte, um eruptiv lavasprotzend diesen ältesten Naturpark Deutschlands und in Bälde kleinsten Nationalpark Europas in unzähligen Vulkanen und Vulkänchen auf der Schäl Sick[1] empor zu pressen und das zu schaffen, was Alexander von Humboldt zu dem enthusiastischen Ausruf verführte, dieses Panorama sei das achte Weltwunder.

Eben diese unterirdisch härtesten Fels schmelzende Urkraft, die noch heute wie Siegfrieds Drache unter den Klüften und Spalten, Burgruinen und Rheinweinhängen brodelt und gärt und grummelt und zuweilen die Welt erbeben macht, ist es, die bereits die Römer dazu brachte, sich steinbrechend in die Flanken des Gebirges zu wühlen. Und auch das Mittelalter fraß seinen Trachyt für unzählige Burgen und Kirchen aus den sieben Bergen, ebenso wie die Neuzeit mit noch unmäßigerem Appetit und effizienteren Maschinen. Erst als die Drachenburg samt Berg 1828 steinbruchunterhöhlt zu bröckeln begann, erklärte die Romantik der Profanität den Krieg und stellte sich schützend vor ihre geliebte Kulisse der Burgruine über nebelverhangenem Vater Rhein und gewann vielleicht zum ersten und einzigen Male eine Schlacht in diesem speziellen Krieg: 1922 Erklärung zum Naturschutzgebiet, 1930 das gänzliche Verbot jeglicher auf Gewinnung von Bodenschätzen gerichteten Tätigkeit.

Unzählige stillgelegte Steinbrüche liefen gluckernd voll grüngläsern kristallklaren Wassers. Zugleich sprossen – wie nicht anders denkbar in deutschen Landen – rings um diese wunderschönen, neu entstehenden Bergseen Wälder empor – Wälder von Schildern in bunten Farben mit vielen Ausrufungszeichen, auf denen in langen Listen vermerkt war, was man alles nicht durfte. Ein dankenswerter Umstand, die jenen, die der gern benutzten Lebensgefahr mit Gelassenheit zu begegnen verstehen, ein angenehm einsames Schwimmvergnügen zu verschaffen geeignet ist.

Zumindest bis Zweiunddreißig Komma fünf Grad Celsius im Schatten, bei denen Ver- und Gebote im Rheinland ihre Gültigkeit ebenso verlieren wie Verhaltenskodizes vor dem großen Fasten.

Bei genauerem Betrachten wäre es daher durchaus richtig anzunehmen, dass nicht nur der rheinische Karneval, Römer und Romantik, Drachen und Trachyt, sondern – neben der Entstehung der Naturschutzgesetze – auch die Globale Erwärmung notwendige Ingredienzien für die Geschichte sind, die damit beginnt, dass Bauer W* nackt in Germscheid photographiert wird. Und die noch nicht ihren Höhepunkt erreicht haben wird, wenn derselbe Mann im Langen Eugen im Bestreben von Büro zu Büro hetzt, die United Nations bei der Rettung seines Vaterlandes um Hilfe zu bitten.

Denn hätte nicht Ende April die Temperatur jenen kritischen Punkt von Zweiundreißig Komma Fünf Grad Celsius im Schatten überstiegen, wäre die eingeimpft deutsche Achtung vor auf Schilder gemalten Verboten nicht ausgehebelt worden und Bauer W* – auf seinem Traktor zum Steinbruch im Dachsberg gerattert – hätte nicht ungläubig auf einen bis auf den letzten Zentimeter mit Bonner Blech zugerammelten Parkplatz gestarrt, während er selbst über das Gedröhn des Motors hinweg die ausgelassenen Stimmen der Planschenden hörte. Möglicherweise wäre Bauer W*s Gemütszustand nicht mit jedem Steinbruch gereizter geworden, vor dem sich Bonner Blech in schier unmöglichen Mengen häufte, und dessen als Badestrand nutzbare Fläche aus einer kompakten Masse weißlichen Städterfleisches bestand, das aprilhaft schwitzend dem ersten Sonnenbrand des Jahres entgegen brutzelte.

So gereizt schließlich, dass ein vielleicht im Grunde harmloser Vorfall die latente Hypomanie übergangslos in eine ausgeprägt manische Phase seiner bipolaren Stören umkippen lassen konnte.

Aber zäumen wir das Pferd nicht von hinten auf, sondern fangen besser vorn damit an. Zumal, wie erwähnt, Bauer W* gar nicht auf einem Ackergaul unterwegs war, sondern mit nicht weniger als dreihundertdreissig davon auf seinem Dieselross. Er ließ den Motor aufröhren – bei einem Fendt 933 Vario ein ziemlich beeindruckendes Geräusch -, setzte rückwärts wieder auf die Landstrasse 272 und bretterte mit Höchstgeschwindigkeit Richtung Germscheid. Sechzig Stundenkilometer klingen nicht nach viel, aber zehn Tonnen auf mannshohen Rädern wirken einfach anders, zumal, wenn sie mit der Stimme von dreihundertdreissig Pferden röhren. Die ängstlich-großäugigen Gesichter in den entgegenkommenden PKWs, die er aus seiner dreipunktluftgefederten, vollklimatisierten Kabine drei Meter höher gut sehen konnte, sprachen für sich. Und während es durchaus Dinge gab, die er sehr bereute, wenn er sie während einer manischen Phase getan oder gekauft hatte – den Fendt nie., egal, was die Ilse zuweilen an Bemerkungen fallen ließ. Von wegen dass für seine Felder auch hundertzwanzig Pferdestärken mehr als ausgereicht hätten und dass vielleicht eine klimatisierte Kabine mit Dreipunktluftfederung in seinem Alter irgendwie zu verstehen seien, aber weder der verchromte Haubenkopf noch die Lackierung in Schwarz und Silber.

Nachdem er – ein dreihunderdreissig Pferde großes schwarzsilbernes Acker-Raubtier – bei Stockhausen aus dem Wald geschossen war, bog er rechts in einen Feldweg ein und schlug sich durch die Äcker.


[1] Schäl Sick, rheinisch für schlechte, scheele und falsche Seite des Rheins.


  1. Den erstaunlich allgemeinen Zuspruch erwähne ich nicht, da A*s Urteil hier kein Vergleich kennt. []
  2. Die Überwindung der Angst vor dem weißen Papier; der Zweidrittel-Knick, bei dem alles ausgebrannt nur noch Zweifel gebirt und schließlich das Ringen um das Ende []

    deine Liebe » Schuld ist der liebe Gott … - Schuld ist der liebe Gott … sagt am 4. April 2008

    [...] “bitte drußen bleiben” heißen. > oder sonst wo hin und keiner hat > in diesem Fall Schuld!? Die Schuld liegt darin, daß man “Gottes Finger” in der Verbreitung nicht von Anfang [...]


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Von der Seite, die nicht mehr weiß ist. Oder: Vom Mut zu Schwafeln.