Die Geschichte wird natürlich von Hand geschrieben, allein aufgrund dessen was ich gerne “das Problem Anfang” nenne (nicht zu verwechseln mit “des Problems Anfang”) habe ich heute den ersten, einleitenden Abschnitt in den Rechner übertragen und zugleich eingesprochen. “Das Problem Anfang” liegt darin begründet, daß, wie sehr man sich auch im Vorfeld Gedanken gemacht hat und die Geschichte schon en detail vor dem inneren Füllfederhalter steht, der Anfang, einmal niedergeschrieben, in Stil und Stimmung alles Folgende durchfärben wird. Für “Krimidinner” habe ich einen sehr schlichten, direkt erzählenden Stil gewählt ohne viel Schnörkel, wie es für eine schlichte Kriminalnovelle gehört. Der größeren Bequemlichkeit halber habe ich das ganze als Rohfassung für Euch als – qualitativ natürlich minderwertigen – Podcast eingestellt:
Für die, die lieber lesen, hier der Text. Senf jeglicher Form ist erwünscht…
- 1. -
»Windgeschwindigkeiten von bis zu hundertzwanzig Stundenkilometern, orkanartige Böen und schwere Gewitter mit Hagelschlag«, kündigte die Stimme im Radio an. Christian schaute vom Schreibtisch hoch und durch das Fenster. September, der Wald hinter den Weiden begann sich schon zu verfärben, und drüber stand pechschwarz eine Wolkenwand, die sich alle Mühe gab, den Radiosprecher glaubhaft klingen zu lassen. Christian war verdammt froh, dass heute nichts anlag. Kein Theaterstück, über das er berichten sollte, und auch kein dämlicher Empfang klugschwätzender Lokalpolitiker. Ein Abend zu hause. Seit langem. In seinem Job selten genug. Ein Fläschchen Wein aus dem Regal holen, ein gutes Buch.
Das Telefon schrillte. Christian seufzte, als er dem Ton nachging und begann, auf der Suche nach dem Gerät Stapel von Papieren, Büchern und Zeitschriften zu durchwühlen. Wahrscheinlich die Redaktion, der doch noch irgendetwas eingefallen war. Oder ein Kollege war abgesprungen – was Familiäres, da könnte er doch einspringen. Der Junggeselle, der sich eh gerne überall herumtrieb…
»Ja? Müller hier«, maulte er in den Hörer.
Die Stimme am anderen Ende war aufgeregt wie ein kleiner Junge. Das war niemand von der Redaktion, noch nicht einmal ein Kollege. Wenn der ein Kollege wäre, dann müsste er bestimmt nicht für dreiundzwanzig Cent die Zeile Artikel schreiben, die keine Sau interessierten und die aus Zeitmangel so schlecht recherchiert waren, dass es ihn jedesmal heiß überlief, wenn er sie gedruckt in der Zeitung las. Mario war Manager beim pinken Riesen, kümmerte sich um Werbeverträge und um die Pressearbeit des Konzerns. »Heute Nacht! Sie haben gerade angerufen!«
»Wer?«
»Dein Geburtstagsgeschenk!«
Christian überlegte. Mario hatte ihm eine Art Gutschein geschenkt. »Dieses Krimi-Dinner?« Er konnte das begeisterte Nicken von Mario geradezu sehen. »Nicht einfach ein Krimi-Dinner!« betonte der genau wie auf dem Geburtstag vor drei Wochen. »Das ist ein absoluter Geheimtipp! Geht nur mit persönlicher Einladung!« Und natürlich hatte er – typisch Mario – auch auf dem Geburtstag nicht unterlassen können darauf hinzuweisen, dass der Preis für diesen Geheimtipp im vierstelligen Bereich lag. »Das ist nur, damit er nicht jeder Pups hinkommt«, waren seine Worte gewesen. Christian hatte davon abgesehen, ihm zu erklären, dass er, Lokalberichterstatter Christian Müller, genau so ein Pups war. Mario reagierte auf dergleichen stets etwas pikiert – Dinge wie finanzielle Nöte oder gar Arbeitslosigkeit und Hartz IV blendete er grundsätzlich aus. Mit seiner begeisterten jungen Stimme schilderte er am Telefon, wie fantastisch er die ganze Sache fand: »Verstehst du? Sie haben extra auf so ein Wetterchen gewartet! Damit es so richtig stimmungsvoll wird! Und das Beste: Weißt du, wo es stattfindet?«
»Wie sollte ich?« Christian wusste noch nicht, ob er sich von Marios Begeisterung anstecken lassen sollte, oder ob er mehr dem Gefühl von Skepsis zugeneigt war, dass sich in ihm angesichts dieses Snobs breit machte.
»Im Margarethenhof!«
»Hat der nicht zugemacht?«
»Eben, Christian! Eben. Die ganze Villa nur für das Spiel, verstehst du? Wahrscheinlich ist sogar der Strom abgeschaltet, Telefon und alles. Wie in einem dieser alten Schwarz-Weiß-Krimis, wo die Leute in einem alten Anwesen sitzen, ringsum tobt der Sturm…«
»Sehr stimmungsvoll, in der Tat.« Die Skepsis begann, überhand zu gewinnen, während Christian, das Telefon am Ohr, aus dem Fenster schaute. Der Himmel war jetzt gänzlich schwarz, unten bogen sich die Baumwipfel unter heftigen Böen. Das Gras auf der Weide wogte wie ein Meer. Mit einem erstaunlich lauten Geräusch schlug ein erster Regentropfen gegen die Scheibe. Irgendwie fand er den Gedanken gar nicht so reizvoll, jetzt in einem alten Haus zu sitzen, ohne Strom und Telefon und wahrscheinlich auch noch ungeheizt. Er war mehr der pragmatische Typ. Mit einer schönen Frau, die sich beim Rollen des Donners an ihn schmiegte, mit einem flackernden Kamin und einem Glas Rotwein – nun gut. Aber für ein Detektivspiel? Weshalb Mario ihm das zum Fünfunddreißigsten geschenkt hatte, war ihm sowieso schleierhaft. Wahrscheinlich war das da oben in seinen Kreisen üblich – da hatte man alles. Vierstellig. Der Preis. Verdammt. Ein Satz neuer Winterreifen. Ein Tank-Gutschein. Oh ja! Ein Tankgutschein von vierstelligen Wert!
»Stimmungsvoll?« Die kindliche Freude am anderen Ende schnappte fast über. »Das ist der Hammer, Mann! Eine alte Villa oben im Siebengebirge, Sturm und Gewitter, Kerzenlicht und flackernder Kamin – du kannst drauf wetten, dass die die Kamine anhaben! Und dann ein mörderisches Geheimnis, dass wir knacken müssen!«
»Es ist ein Spiel, Mario. Da gibt’s kein Geheimnis, es ist alles inszeniert.« Er dachte an die Reportage über die Live-Rollenspieler, die er im Sommer gemacht hatte. Drachenfest, so hatte das geheißen. Latex, Knallfrösche und Gummischwerter. Magische Feuerbälle aus gefärbtem Schaumstoff.
»Aber ein richtig gutes! Sie scheuen keine Mühen, die ziehen alle Register! Wahrscheinlich haben sie Spezialeffekte ohne Ende herangekarrt!« Christian seufzte innerlich. Er kannte Mario noch nicht lange, mochte ihn aber gern. Er konnte ihm einfach nicht den Spaß verderben. Abgesehen davon las sich die Gästeliste – die Mario natürlich zitieren mußte — wie ein Who-is-who rheinischer Hochfinanz und Politik. Vielleicht steckte da eine gute Story drinnen. Er grinste ins Telefon. Ob Mario daran gedacht hatte, dass er die Presse einschleuste in seinen elitären Club? Immerhin hatten sie sich so kennen gelernt: In einem Interview hatte Christian ihn ziemlich hart rangenommen, als er ihm erklären sollte, weshalb der pinke Riese 30.000 Stellen outsourcte. »Wann soll es dann losgehen?«
»Halb zehn. Ich hole dich ab.«
Christian legte das Telefon auf die Anrichte. Die Regentropfen schlugen immer dichter gegen das Fenster, die Bäume krümmten sich unter dem Wind, während sie langsam von der Dämmerung verschluckt wurden. Laut Radiosprecher würde dieses Unwetter erst in der Nacht so richtig losgehen. Stimmungsvoll. So so.