Irgendwann 2002 herum wurde ich einer mir im Grunde wesensfremden Digitalisierung unterzogen. Das hing mit ganz verschiedenen Dingen zusammen, nicht zuletzt auch meiner Begeisterungsfähigkeit und der in zumindest einigen Bereichen lobenswerten Eigenschaft des Perfektionismus. Es ist dies eine längere Geschichte, die im Grunde bis zu einem ganz außerordentlich für mein Leben wichtigen “Tröt!” im Jahre 1995 auf dem Frontispiz meiner allerersten Veröffentlichung “Narratiunculae Obscurae” zurückgeht und bis zum Beginnen des LieBLOG Ende 2006 reicht und im Grunde hier nicht relevant ist.
Meine Freunde durften mit einigem Stirnrunzeln mitverfolgen, wie ich, sozusagen vom eigenen nicht anders als humanistisch zu nennenden Drang der Vollständigkeit angetrieben, ein inkompaktibles System zu assimilieren versuchte. Ich will nicht sagen, daß mir das nicht gelungen wäre, etliche Stimmen behaupten sogar das Gegenteil. Allein: Das Ergebnis der Assimilation behagt mir seit geraumer Zeit nicht nur nicht, es stößt mich ab. Eine Zeitlang mochte ich die Vorstellung vom Cyber-Spielmann amüsant gefunden haben, mithin durfte ich feststellen, daß die Datenkabel im Hirn Effekte erzeugten, die schlechtweg widerlich sind. Weshalb seit geraumer Zeit eine Art Revolution im Gange ist. Die vollständige Rückkehr zum Manuskript, was die literarischen Arbeiten angeht, war hier erstes und vielleicht wichtigstes Symptom. Das Nutzen der Zeichnung statt des digitalen Photos als Gedächtnisstütze für Recherchen ein Zweites. Das Zurückkehren zum handgeschriebenen Brief für private Korrespondenz ein Drittes. Über die Effekte und Beobachtungen dabei werde ich bei Gelegenheit einen Essay schreiben, da sie geradezu erschreckend und zugleich ungemein erhellend sind.
Die zweite Phase ist genauso heikel wie der Sprung zum Manuskript, denn sie berührt eine der gänzlich neurotischen Grundängste, die uns angezüchtet worden sind. Den Wahn der Erreichbarkeit. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht die philosophischen Feinheiten Erläutern oder Für und Wider abwägen, sondern nur einen imaginären Gong schlagen und die Stunde für gekommen erklären, an der ich mir die Datenkabel aus dem Hirn ziehe. Immerhin hat es seine Gründe, weshalb ich mich für ein Leben als Aussteiger entschieden habe, im Siebengebirge bei den Sieben Zwergen in meiner Wohnschnecke hause und sehr eigene Wege mit meiner Literatur gehe. Ich habe die Regel-Lieferzeit der Bücher auf 4-6 Tage erhöht. Ich werde ab sofort, orientiert am Postweg vor der immerhin kaum 10 Jahre zurückliegenden Revolutionierung der Brieflichkeit — der statt 10 Sekunden i.d.R. 2 Tage dauerte und zuweilen auch einmal drei (und wenn man nicht zuhause war, blieb es halt solange liegen, ohne daß die Welt zusammen brach) — entsprechend das eMail-Postfach kontrollieren. Bei wichtigen Dingen bitte ich zum guten alten Fernsprecher zu greifen, da eine Stimme ja auch sonst viel angenehmer und Dinge viel schneller abgeklärt sind. Anrufbeantworter-Nachrichten bekomme ich auch unterwegs und kann zurückrufen. Aber eigentlich sollten 3 Tage bis zu einer Antwort ja auch kein Problem sein, nicht wahr?!
Entdecke die Langsamkeit!