Dieser verdammte Butler in seinem gestreiften Livree ist mir heute aus der Hand geglitscht und eigene Wege gegangen.1 Nicht wirklich eigene Wege, so viel tyrannische Gewalt übe ich doch auf meine Figuren aus, selbst gegen solch überaus gewitzte wie den Butler. Aber immerhin in einer, nun, etwas ausufernden Weise, die in der Form nicht ganz vorgesehen war. Man könnte geradezu behaupten, daß der arme Kerl plötzlich mitten im Schreibfluss eine massive Aus-Kotz-Attacke überkam. Nun wollte ich ja in dieser Geschichte durchaus (im Gegensatz zum Gläsernen Sarg) das Politische daran nicht gerade mit einem ausgewaideten Hund vier Meter breit über einen feudalen Kamin in der ehemaligen FDP-Hochburg Margarethenhof schmieren. Doch. Wollte ich. Aber ich hatte vermeiden wollen, daß der Butler – und sei es auch nur zum perfide berechneten Scheine – in einen Monolog ausbricht. Hat er aber doch. Der Hund, der. Natürlich sollte er ein bißchen Austicken. Das macht dann das Ende um so schöner. Aber soooo… nunja. Vielleicht macht Bernd einen Song draus? Das schlimmste daran ist, daß ich die Schimpftirade des Butlers auch noch mag. Beim Lesen kann man sie phantastisch herunterstakkatoisieren2. Zu meinem eigenen Entsetzen (und entgegen der Versicherung, daß in der Anlage des Textes in angenehm subtiler Weise schon doppelt gestrichen böse politische Seitenhiebe wären) stelle ich also fest, daß ich den durchgegangenen Butler ganz gerne drinnen lassen würde.

Meine Hinundherüberlegungen werden verständlich, wenn ich ihn mal schwadronieren lasse:

[Textauszug Kapitel 11, MaNo 155f.]

[...]

Der Butler wippte – wohl eine Gewohnheit von ihm, wenn er ungeduldig wurde — von den Zehenspitzen auf die Fersen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Der Energiemann ignorierte das und fuhr ungerührt fort: »Sie wissen ebenso gut wie ich, wer hier an diesem Abend versammelt ist. Das ist ja Ihr Geschäft, nicht wahr? Selbst Ihr zugegeben großartiger Aufwand dürfte kaum diesen Preis rechtfertigen! Wir bezahlen für die Exklusivität — und für die Sicherheit!« Der Butler wippte weiter, sein Blick schweifte durch den Raum, betrachtete man dies, mal jenes. »Es gibt genügend da draussen, die diese Versammlung hier ausnützen könnten!«

Der Butler nahm den Blick vom Schriftzug an der Wand und blickte den Energiemann an, ohne mit dem Wippen aufzuhören. Christian fand das amüsant, aber wenn er an der Stelle des Vorstandsmitglieds eines der größten Gas- und Stromkonzerne gewesen wäre, hätte es ihm wahrscheinlich zur Weißglut gebracht. »Sie meine Leute, denen es gar nicht gefällt, dass Sie die Gaspreise man eben um 25% heben? Unter solch fadenscheinigen Begründungen, wie dass die Kosten ja ach so gestiegen seien? Dass Sie vielleicht den gänzlich ungerechtfertigten Zorn eines Mannes erregt haben könnten, der im selben Atemzug hören muss, dass Sie ihre Profite in schier unübertroffener Weise haben steigern können? Und dass er auf die abwegige Idee kommen könnte, dass Einzelne dafür verantwortlich sein könnten – Einzelne, die man verletzen, als Geisel nehmen oder sogar töten könnte, aus Rache, dass das Geld nicht mehr reicht und er in die Armut gerutscht ist? Vielleicht her er auch noch die Arbeit verloren, weil ein anderer Konzern meint, noch wettbewerbsfähiger auf dem globalen Markt werden und ein paar Tausend Stellen durch Computerhirne ersetzen zu müssen? Oder mal eben EU-gesponsert einen Betrieb hier einzustampft und in Rumänien steuergeldfinanziert neu hoch zieht? Jemand, dem der Geduldsfaden zerspleisst, wenn er staatliche Banken sein Geld ungefragt an der Börse verspekulieren sieht und dann zusehen muss, dass diese Veruntreuungen von Dutzenden Milliarden mit den Steuergeldern gestopft werden, mit denen man hätte Schulen und Lehrer bezahlen sollen, Universitäten und Renten und Pflegepersonal? Vielleicht, das könnte man sich ja auch vorstellen, ist Ihr Mann in Hartz-IV gerutscht, diese seltsame Erfindung, die niemandem etwas gebracht hat und noch immer nach einem Mann heisst, der sich nicht zu schade war, Geld in Summen in die eigenen Taschen zu leiten, die einem Normalsterblichen kaum mehr vorstellbar sind — und dann für die Millionen nichts als eine Bewährungsstrafe zu bekommen, während der nach ihm benannte Hartz-IV-er auf Verdacht hin alle Leistungen gestrichen bekommt und nichts mehr zu fressen hat, weil es einem Arschloch gefall, bei der ArGe anzurufen und Scheiße zu erzählen?“

Der Butler sprach ohne Punkt und Komma.

„Oder meinen Sie vielleicht einen Vater, dessen Sohn so dämlich war, Heldentum im Hindukusch zu suchen, dem man so ins Hirn geschissen hatte, dass er meinte, dort Deutschlands Grenzen verteidigen zu müssen?«

Er wippte auch nicht mehr. Die Hände hatte er vom Rücken genommen, und die Worte aus seinem Mund kamen hart und böse und voll Leidenschaft.

»Meinen Sie vielleicht so einen Vater? Einen Vater, dessen Sohn dann mit voller Hose an irgendeinem scheiß Kontrollpunkt in einem Land steht, dass von unseren tollen Weltpolizisten-Freunden in Grund und Boden gebombt worden war, damit sie sich danach als Befreier aufspielen können? Einen Vater, dessen Sohn dann so ein Klappergestell von Auto auf sich zukommen sieht und einen Riesenbammel hat, weil gestern ein paar Kameraden von genauso so einem Klappermobil voll Sprengstoff in Fetzen gerissen worden sind? Und dieses Ding, dass man kaum Fahrzeug nennen kann sondern eigentlich nur rollenden Schrott, das klappert so laut, dass drinnen keiner was hört. Schon gar kein Englisch oder Deutsch von einem, der fünfzig Meter weiter gegen den Wüstenwind schreit. Und selbst wenn es nicht so klappern würde, da auf der löchrigen Bergstraße — die Kinder lachen und singen und kreischen laut genug. Und das Klapperding rattert näher und näher, und der Sohn, der gekommen war, um irgend wen zu beschützen und aufzubauen und ein wenig Held zu sein vielleicht, sich den bösen Terroristen entgegen zu stellen, den bösen Terroristen, die man noch Feiheitskämpfer nannte, als statt des Amis noch der Russe das Land des Mohns zerschossen und zertreten hat, der Sohn, der scheißt sich in die Hosen und zieht nach dem dritten Anruf den Abzug durch.

Und maschinell tötungsoptimiert stanzen sich mit 750 Schuss pro Minute die Stahlmantelgeschosse aus seiner Heckler & Koch G36 durch das Blech.«

Die Stimme des Butlers klang jetzt selbst durch das Sturmgewehr auf Dauerfeuer.

»Und in dem Klapperwagen ist kein Gramm Sprengstoff, sondern nur das, was in diesen Kreisen Weichziele genannt wird: Menschen. Genauer: Zivilisten. Frauen. Greise. Kinder. So viele Kinder. Man glaubt gar nicht, daß so viele in die Klapperkiste passen. Auf dem Weg zu einem Familienfest. Vielleicht ist grad der Ramadan zuende, Zuckerfest, oder jemand heiratet.«

Der Energiemann starrte den Butler an, als wäre er verrückt, und wirklich: der Butler sah ganz so aus. Von dem distinguierten Herren im Livree war nichts mehr da.

»So einen Vater meinen sie bestimmt, der dann Lust bekommt, so einen Sternenträger mit Vorschlaghammer den Schwallkopf zu Brei zu schlagen, weil der Sohn als ausgebranntes Frack nach hause kommt, mit Psychopharmaka voll gestopft werden muss und trotzdem im Schlaf heult und in die Laken macht und das ganze Haus zusammen schreit!«

Christian war es eiskalt.

Die Erleichterung war verschwunden, die Angst kroch wieder in ihm hoch.

Der Butler wirkte nicht, als würde er das spielen. Das konnte man doch nicht spielen! Da glänzte es nass im Augenwinkel.

Aber von einem auf den anderen Augenblick war aus dem wutschnaubenden Irren wieder der Butler geworden, der kühl in die Runde lächelte. »In der Tat«, sagte er, jetzt wieder mit ganz ruhigem Ton. »Ich verstehe durchaus, was Sie meinen. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es Menschen gibt, die an einer solchen Verzerrung der Wirklichkeit leiden und meinen, es wäre ein Kohl, Schröder, Merkel, die was falsch machen und die man bloß wie Gaius Julius Cäsar mit dreiundzwanzig Dolchstößen respektive fünf Hammerschlägen ausschalten muss, damit sich was ändert. Und für die wäre eine solche Versammlung natürlich ein gefundenes Fressen. Die Aktionäre, die, ohne selbst eine Hand zu rühren die Konzerne treiben, für sie immer und immer mehr Profite zu machen und ihr Kapital zu vermehren. Die Vorstände und Manager, die dieses System in immer entmenschtere Regionen führen. Die Politiker, die in Aufsichtsräten gut geschmiert die richtigen Weichen stellen… wirklich, ja, das wäre ein gefundenes Fressen für so einen verblendeten Menschen…« Der Butler ließ die Stimme effektvoll ausklingen, der Sturm heulte um das Haus. »… kein Telefon, kein Mobilfunknetz. Ein Sturm, dass man schon im windgeschützten Hof kaum gerade ausgehen kann, und draussen wahrscheinlich auf allen Vieren kriechen müsste. Die Bonzen-Kutschen entzündkerzt nur noch unbewegliche Stahlkolosse.«

Zwei Kerzen flammten in einem See von Wachs auf und erloschen. Jetzt brannten nur noch drei, und auch die auf dem letzten Zentimeter. Das Finale, dachte Christian, musste unmittelbar bevorstehen. [...]

Wie gesagt… aus der Hand geglitscht, der Butler… die Story allerdings nicht, denn es fehlt nur noch die Niederschrift des letzten Kapitels.


  1. Wer jetzt zweideutig Schlüpfriges erwartet, wird enttäuscht werden, auch wenn, was dem Butler – der natürlich kein Butler ist – unterstellt wird, durchaus nicht einer gewissen Schlüpfrigkeit entbehrt: nämlich mit einem aufgeschlitzten Hund “Friede den Hütten! Krieg den Palästen!” an die Wand über den Kamin zu schmieren. (Jaja, Generalsblut, aber gewissermaßen ist der General ein Hund, und obendrein auch noch ein Falscher.) []
  2. Genau, wahrscheinlich habe ich die Szene nur geschrieben, um wieder mal das Maschinenmaul machen zu können… []

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Der Butler ist mir durchgebrannt