
Es gibt, wie ich finde, immer den Einen Moment, wo man weiß, daß eine Geschichte abgeschlossen ist. Fertig. Unter Dach und Fach. Rettich. Manchmal, bevor man auch nur den ersten Satz geschrieben hat. Da steht jedes Wort schon im Schädelkasten, da muß nichts gefeilt, nichts geschraubt, und auch nichts da, wo mans nicht sieht, klammheimlich geleimt werden in der (zumeist berechtigten) Hoffnung, daß der Leser diesen einen wunden Punkt nicht merkt, diesen seidenen Faden, der, wird er samt Würmchen dran nicht geschluckt, die ganze Story zum Wanken bringen könnte1. Und dann gibt es da Geschichten, die sind längst gedruckt und im Umlauf, und man hat immer noch nicht das Gefühl, daß die Geschichte wirklich fertig ist. Bei den meisten anderen Geschichten aber gibt es einen magischen Punkt, der irgendwo in den letzten Tagen des Feilens liegt und oft auch ihren definitiven Abschluß darstellen.
Ich glaube, ich habe bisher noch bei keiner Geschichte so sehr mit dem Ende gerungen wie bei “Krimifrass”. Wobei nicht das Ende unklar war (das stand mit als erstes), sondern vielmehr die exakte Stelle, an der der Text endet. Das eigentliche Manuscript zieht sich durch zwei Manuskriptbücher, 240 handgeschriebene Seiten, und es ist schön zu sehen, daß die Story sich flüssig zieht. (Siehe Bild rechts, mit Matschepampe-Hand.) Bis zu dem Punkt, an dem im Grunde das Ende schon geschrieben steht. In der Tat: Bis exakt zum Ende steht alles. Und in den Randnotizen steht, daß dies ein perfektes Ende ist. Nur quälten mich dann ein wenig die Gewissensbisse gegenüber dem Leser: Entweder er findet das genau so sinnig und witzig wie ich, oder aber er ist sauer. Hin und her gerissen versuchte ich also nicht nur mit diesem gräulichen Schreckensvirus Magendarmgrippe, sondern auch mit dem Textende zu ringen. Ich füllte ein halbes Manuscriptbuch mit Versionen, und sie alle waren nur faule Kompromisse. Ich rief K* an und las ihr Nachts “mein” Ende vor, das mich einfach nicht loslassen wollte, und in der Tat, mein Gefühl trog mich wohl nicht. Nach weiteren Ringkämpfen mit dem Lesergewissen vertraute ich dann doch auf die Mündigkeit meiner Leserschaft und wagte “mein” Ende. Ich hängte nur noch ein wie ich finde witziges Nachwort des Erzählers dran, das aber im Grunde noch etwas drauf setzte.
Und genau das war der Moment, wo mir das einfiel, worüber ich schon die ganze Zeit hin und her überlegt hatte. Mir war nämlich partout nichts eingefallen, was ich als Cover-Illustration benutzen könnte. Alle Charakterdarstellungen schließen sich aus der Art des Textes heraus aus. Eine Zeichnung der Margarethenhöhe oder des Margarethenhofs wäre schlechtweg banal gewesen. Zeitweise hatte ich gedacht, einen stilisierten Türklopfer zu nehmen, aber auch das traf es nicht. Der magische Moment kam mit einer schon fast an eine Vision grenzenden Vorstellung des Titelbildes. Ich sprang auf, griff mein Tintenfaß, lief in den Garten und goß die schwarze Tinte über meine Hand. Ich nahm ein Blatt Papier, feuchtete es an, legte es auf ein Sitzkissen, patschte meine schwarz triefende Hand darauf und zog sie mit einem wahren Genuß genau so herunter, wie die schauspielernde Leiche im “Krimifrass”:
“Plötzlich richtete sich der Verletzte auf. Seine Rechte packte den General am Kragen und mit leiser Stimme krächzte er: »Du bist des Todes!« Unter sichtlich übermenschlicher Anstrengungen zog er sich halb am General, halb am Geländer hoch und stolperte mitten unter die Versammelten. Mit blutiger Hand vor sich tastend stützte er sich auf die Hemdbrust eines Mannes, den Mario beim Essen als einen seiner Chefs bezeichnet hatte, brach, einen schauerlichen verschmierten Abdruck hinterlassend, vor ihm in die Knie und versuchte, sich am Hosenbein eines weiteren Mannes festzuhalten. Der Energiemann, erinnerte sich Christian. Dabei krächzte der Verletzte in einem fort: »Des Todes! Des Todes!« Er sank zurück, lag seitlich auf den Treppenstufen, krallte blutige Finger in die Brust, schloss die Augen. Mit einem Fiepen wich der letzte Atem aus ihm heraus – er lag still. »Fühlen Sie seinen Puls!« flüsterte der Mann mit dem blutigen Handabdruck auf seiner Brust.”
Von hier bis zum endgültigen Cover war es nicht mehr weit, aber der Moment, wo ich mit einer fast diebischen Freude herum matschte, war der magische Moment, an dem “Krimifrass” seinen Abschluß fand.
Übrigens: “Krimifrass” ist justamente erschienen und überall erhältlich. Am schnellsten natürlich bei mir!