Meine Böhm-Klarinette. Foto: Norman Liebold
Meine Böhm-Klarinette. Foto: Norman Liebold

Persönlich bin ich der Meinung, daß die Dinge sich wiederholen, sich gewissermaßen spiralförmig aufwärts schraubend um einen Zentrum drehen, dabei an bestimmter Stelle ähnliche Orte, Dinge, Konstellationen durchquerend. In den Kreisen der Humanistischen Bewegung, mit denen ich mich im Moment eingehender beschäftige, gibt es sogar ein Begriffskatalog dafür, bei dem es um “Traumkerne” geht. Ich könnte, dieser Gedanke geht mir aktuell durch den Kopf, das ganze auch weitaus profaner betrachten, nämlich in der Metapher einer Schallplatte. Wobei ich weniger die gerne zitierte meine, die immer und immer wieder gespielt wird, was durchaus naheliegend wäre, sondern um einen Kratzer auf derselbigen. Wenn die Diamantnadel an irgendeiner Stelle auf den Kratzer gerät, springt die Platte, am Kratzer, an der Narbe, wenn man so möchte, entlanggleitend zurück, und die Geschichte beginnt von neuem.

Nicht ganz, denn man darf durchaus zugestehen, daß die Wiederholung auf einer höheren Ebene geschieht, daß ein jeder Durchlauf ein wenig mehr vom Eigentlichen enthüllt und mehr verstanden wird. Und die Ähnlichkeit der Geschehnissse und wieder gespielten Konstellationen eine Basis bildet, auf deren Grundlage es möglich ist, gleichsam in einer Chrono-Tomographie vergleichen zu können, Entwicklungen zu sehen und daraus Schlüsse zu ziehen. Und ich meine hier mehr als nur den unvermeidlichen Schluß, daß man älter geworden ist.

Jetzt, wo sie vorbei ist, darf ich gestehen, daß ich die eine Erfahrung machen mußte, die der Schriftsteller fürchtet wie der Mann die Impotenz: Die Schreibblockade. Wobei es nicht wirklich eine “Schreibblockade” genannt werden kann. Selten zuvor sind soviele Geschichten entstanden. Aber selten zuvor war auch der Weg zwischen der Geschichte im Kopf so weit zu der Geschichte auf dem Papier. “Leergeschrieben”, meinten etliche meiner Freunde, eine naheliegende Vermutung angesichts von nicht weniger als vier Romanen und einer phantastischen Anthologie in zwei Jahren plus komplett neuem Bühnenprogramm. Aber das war nicht, was mir seit Dezember die Feder hat schlaff in den Fingern hängen lassen. Und auch nicht die “slawischen Stalker”, wie das Comtesschen es wie gewohnt kess vermutete, nicht vermutend, daß es selbst einer jener ungeheuer aufgeladenen Punkte verkörperte, die die Diamantnadel am Kratzer entlang schleifend durchläuft, um, im funkelnden Abgleiten und knirschend-kreischenden Moment des sich zwischen den gepressten Rillen Bewegens (und damit meine ich nicht bekifft in den Dünen herumliegen!) etwas wie Begreifen aufflackern zu lassen.

Der Punkt, durch den die Nadel kreischen fährt, liegt nicht weniger als zehn Jahre zurück, und aus seltsamem Zufall sind die Erinnerungen gestochen scharf. Auch damals eine Zeit, in der alle Fragen bereits dadurch zu beantworten waren, daß man irgendein Manuscript (heute ein gedrucktes Buch) hervorziehen konnte, um statt einer Antwort auf die Lektüre zu verweisen. Damals wie heute die ernüchternde Erkenntnis, daß so weiterzumachen heißt, sein eigener Plagiator zu werden und es nichts mehr zu vollenden, nichts mehr abzuha(c)ken gibt, weil man, ohne es recht zu merken, die augenscheinlich unbewältigbar Aufgabe in der Tat irgendwie im Ablaufe von ein paar Jahren erledigt hat und nicht jenen funkensprühenden Höhepunkt erlebte, den man vielleicht erwartete, sondern nur ein Abebben des Druckes – und das sinnlose weiter Wiederholen der im Abarbeiten notwendigen Rituale. Und die weniger ernüchternde als vielmehr erschreckende Erkenntnis, daß da keine noch abzuhakende, hinauszögernde Restschuld übriggeblieben ist, die vor dem Neuland schützt. Das Neuland, das nicht zuletzt auch lockt und verheißt.

Wenn ich jetzt unter dem Sternenhimmel auf meiner Terrasse sitze, sich über mir das dunkelsamtene Blau dehnt und ich mir die Motetten von Guillaume de Machaut anhöre, wenn ich die letzen Seiten der “Ansichten eines Aktmodells” durchlese, die ich heute schrieb, und die in einer gewissen Weise sehr nach dem “Totentanz” schmecken, wenn man an seinem Wein nippt – ausgerechnet ein Medinet, der obgleich kaum von Qualität aber doch von Erinnerungen vollgesogen ist – an Platanen denkt, an alte Klöster von vor 10 Jahren und neue alte Klöster an Mainachtseen von gar nicht allzulanger Zeit, wenn man Ketten in seinen Brusthaaren spürt, und sie greifend die Frage stellen muß, was das denn für seltsame Dinge sind, wenn sie unter den Händen zerfallen wie die morschen Fäden eines alten Wischmopps und man einfach die Hände öffen und loslassen will, das sind eigenartige Gefühle.

Ich denke, es wird gut sein, einmal die im vierfachen Schriftsinn alles abkriechende und abtastende Instanz abzuschalten. Das wird bedeuten, daß die “Ansichten eines Aktmodells” zu den “Ansichten des Norman L.” werden, aber da wir alle wissen, daß sie das so oder so sind, darf man auch grinsend damit jonglieren. Das mir das mehr liegt, als das unsinnig verernstete Dramatisieren habe ich schon manchmal gewußt. Bei den wilden Abgleitern der Diamantnadel, jedesmal. Es gibt da nichts zu lernen. Nur freudig zu akzeptieren.

Jutta von den Vier Raben, meine Lieblingsbühne in Köln, hat übrigens schon zugestimmt. Bernd ebenfalls, allerdings unter der Bedingung, daß er – im Gegensatz zu mir – nicht nackig auf der Bühne sitzen muß. Zum Dank werde ich ihm wohl pro Monolog einen Song schreiben. Nein. Ich Textmensch vergesse das immer. Keinen Song. Einen Text.

Daß die Ansichten eines Aktmodells allerdings ein Totentanz werden, stimmt nur indirekt, fast könnte man sagen, daß sie der Inbegriff seines Gegenteils werden – eines wollüstigen Fruchtbarkeitstanzes in einem Spiegellabyrinth… es ist amüsant zu sehen, daß die alten Muster in neue Zahnräder greifen. Der Editor, der unverkennbar ich selbst zu sein die Dreistigkeit hat vorzugeben, berichtet über den Protagonisten, der nicht weniger eine grinsende Fratze meiner Selbst darstellt – und das alles, um die innersten Geheimnisse der anderen höflich zu entreissen.

Die “Editorische Vorbemerkung” erinnert doch arg zu sehr an die verschachtelten 1001 Nächte des Nâhtegal-Zyklus, ebensosehr wie an die (immer noch heißgeliebte) Vampyriade mit ihrem Vorgriff auf sieben Jahre Universität. Selbstzitat? Ich weiß nicht. Die Stimmung ist so ähnlich. Damals in meiner ersten wirklich eigenen Wohnung, auf dem Dach unterm Sternenhimmel, das arme Aachen mit den kläglichen Versuchen auf der Querflöte quälend und herzzerreißend in Verwirrungen verstrickt mit 22 Jahren. Heute unter einem nicht minder schönen Sternenhimmel – und nur die erste Ziffer der Ziffernpaares und das Folterinstrument hat sich verändert. Heute leiden meine Nachbarn unter einer Klarinette.


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