[GeBu0901 S. 6-19] Das ist vielleicht ein Gedankengang, den nur Menschen wirklich nachvollziehen können, die viel mit Text arbeiten. Und ich meine: wirklich viel. Es ist auch ein Gedanke, der vor sagen wir 20 oder 30 Jahren ganz undgar unnötig zu denken gewesen wäre. Trotzdem ist es ein Gedanke, der mir heute als ungemein wichtig, wenn nicht vielleicht sogar grundlegend erscheint, und der, wenn man ihn als Beispiel betrachtet, für eine ganze Reihe von Dingen steht, die in ihrer Gesamtheit einen beängstigend großen Teil unserer Wahrnehmung der Welt ausmacht. Beängstigend, weil dieser Teil sich verändert. Natürlich lösen gerade bei analfixierten Zeitgenossen Veränderungen jeglicher Art Zustände des Unwohlseins und der Angst aus, doch, ganz abgesehen von der natürlich nicht auszuschließenden Möglichkeit, daß ich analfixiert sein könnte, erscheint mir der Gedanke doch objektiv wichtig genug, um einige Zeiten in diesem Schriftsteller-Blog zu formulieren, denn gerade im Moment beschäftigt mich das Problem in zweierlei Hinsicht. Aus inhaltlicher Sicht, da es für die „Ansichten eines Aktmodells“ von nicht zu ignorierender Wichtigkeit ist, und zwar dahingehend, daß das Modell darüber zu formulieren belieben wird. Aus technischer Sicht, weil ich selbst aus nachvollziehbaren Gründen damit während der Arbeit in denkbarer Weise direkt damit konfrontiert bin.
Ich rede von Schreiben, natürlich, von was auch sonst. Vom Stellen von Schrift, von Schriftstellen, papiernem Erzählen, Geschichtenfinden und -erfinden. Genauer: Vom Kratzen der Feder auf dem Papier, wenn man einen schlechten Füllfederhalter hat, vom eher ungelenken Rollen der Kugel im Kugelschreiber, vom Gleiten der Bleistiftmiene. Nicht aber – oder eigentlich doch, nur eben in negativer Hinsicht – vom Klappern der Tastatur.
Ich rede von den vielgestaltigen Schnörkeln, die Tinte oder anderes Pigment auf Stofflichem hinterläßt, nicht von Bits und Bites, die von Elektronenstrahlen oder Flüssigkristallen auf einem Bildschirm dargestellt werden.
Ich rede von Schriftkultur.
Und es ist mir wichtig.
Und ich möchte von einer großen Lüge reden, von einem Phänomen, das, so könnte ich mir vorstellen, eine der großen ausschlaggebenden Kräfte ist, die uns und unsere Kultur maßgeblich verändern. Das Schreiben ist hiervon nur ein Symptom, und ich wähle es weil es schon fast symptomatisch ist.
Ich bin 32 Jahre alt, etwas, das man früher als „junges Mannesalter“ bezeichnete. Nichtsdestotrotz kann ich mich sehr gut an eine Zeit erinnern, in der ich ein gutes Dutzend Menschen hatte, mit denen ich ausführlich mittels Briefen korrespondierte. Briefe meine ich als Blätter von – vorzugesweise edlem – Papier, das mit Tinte, Grafit oder Kugelschreiber-Gel von Hand beschrieben werden, Zwei Briefkontakte neigten auch damals schon dazu, den Brief am Rechner zu tippen und dann auszudrucken, aber wenn man bedenkt, daß ich hier nicht von „Guten Alten Zeiten“ oder meiner „Kindheit“ rede, sondern von einer Zeit, wo ich mein Abitur schon in der Tasche hatte und dem Gesetz nach als „erwachsen“ galt, ein bemerkenswerter Umstand. Ich rede nämlich nicht von 100 Jahren, sondern von zehn. Zehn. Vor zehn Jahren war es etwas Ungewöhnliches, an jemanden eine Email zu schreiben, weil kaum jemand (in meinem Alter) eine Email-Adresse hatte.
Ich habe keine Brieffreunde mehr. Und es stimmt mich traurig. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich korrespondiere mit wesentlich mehr Leuten, und zum Teil durchaus in ganz immensen Textvolumina. Allein, und deswegen ziehe ich das Beispiel des Briefes heran, es sind die ewig gleichen, stereotypen Zeichen auf meinem Bildschirm, es ist nichts zum Anfassen, zum Riechen. Oder haben Sie schon einmal eine parfümierte Email erhalten? Aber weitab von der sensuellen Freude, einen Bogen Bütten zu entfalten und mit den Augen die geschwungenen Linien handgeschriebener Worte zu folgen – weitab von solch romantischen Unwichtigkeiten, daß genau dieses Stück Papier wirklich und nicht nur virtuell von der anderen Person in Händen gehalten wurde, daß zwischen den Fasern des Papiers Moleküle seiner Haut, seines Schweißes, seiner realen, wirklichen faßbaren Existenz haften geblieben sein mögen, und daß der Bogen im Kuvert durch das Land transportiert worden ist, in Zügen in und her geschüttelt wurde und die verwaschenen Stellen da von echten, salzigen Tränen herrührt – weitab von solchen funktional unwichtigen Dingen eben ist da noch mehr.
So – und ich möchte doch nicht meinen, daß das unwichtig ist – etwas, das ich der Einfachheit halber einmal der Ausdruck von Individualität und Persönlichkeitt nennen möchte. Es gibt eine ganze Wissenschaft, die diesen Namen zwar nicht verdient, nichtsestotrotz aber interessant ist, die sich mit der Deutung von Handschriften auseinandersetzt. Und wenn ich auch ihre Schlußfolgerungen für weit übertrieben halte, so sind ihre Ansätze doch äußerst beredt. Nicht zuletzt hat unsere Unterschrift deswegen rechtliche Gültigkeit, weil sie einmalig ist – jeder Mensch hat eine unverwechselbare Handschrift, die, das ist, denke ich über jeden Zweifel erhaben, in gewissen Umfang Ausdruck seiner Persönlichkeit ist.
Mehr noch: Der Gegensatz ist das Erschreckende und geradezu symptomatisch. Wenn überhaupt, haben Sie in der Welt der digitalen Medien eine begrenzte Auswahl an vorgegebenen Schrifttypen. Das ist, will ich meinen, sehr verwandt mit den „Skins“, mit denen Sie ihre anderen Dinge versehen können, um sich den Anschein von Individualität zu geben, wobei aber auch die denkbargrößte Auswahl von Handy-Schalen kaum darüber hinwegtäuschen kann, daß Sie keinen Stil besitzen, sondern sich nur etwas aus dem zusammen stellen, was man ihnen auszuwählen erlaubt. Und nichts, scheint sich, verkauft sich so gut wie der Anschein von Individualität, wenn es an echter ermangelt. In den diversesten Social Networks wie StudiVZ und Facebook gibt es man breitesten Öffentlichkeiten Privatestes preis, anscheinend, um irgendwem zu beweisen, daß man besonders ist: Interessanterweise fehlen wirkliche Ausdrücke von Individualität oft. Das Spielen eines Instrumentes, dessen Spiel wie Schrift einmalig und Ausdruck der Seelentiefe ist, zum Beispiel.
Wie wenig unverwechselbar diese Dinge sind, zeigt sich nicht nur in solch absurden Phänomen wie daß sich Menschen als etwas ganz anderes ausgeben können als sie eigentlich sind und es kaum sicher erkennbar ist, sondern auch an Dingen wie personalisierten Massenmails, die, von Maschinen erstellt und verschickt, immer noch Menschen in die Irre führen. Es ist, denkt man einmal genauer darüber nach, schon sehr absurd, daß wir uns nicht darüber wundern, daß wir täglich hunderte von Briefen bekommen, die einfach nichts bedeuten und nichts anderes zum Ziel haben als uns zu betrügen. Daß das normal ist, läßt einiges in seltsamem Licht erscheinen. Ich könnte im Copy-und-Paste-Verfahren oder noch besser mittels personalisierter Emails den schönsten, schmalzigesten Liebesbrief in derselben Sekunden an 10, 100, 1000 Frauen schicken, und jede würde sich unter Umständen persönlich angesprochen fühlen.
Es gab durchaus Zeiten, da ich mal zwei oder drei Liebesbriefe schrieb, aber, abgesehen von der Tatsache, daß da Zeit und Kraft natürliche Grenzen setzen – ein jeder war doch ein echter Brief, an eine wirkliche Person verfaßt und ihrer Person Rechnung tragend …
Aber all das ist noch immer nicht der Hauptpunkt, auch wenn der Verlust an Einmaligkeit, an Besonderheit und Individualität nicht zu unterschätzen ist.
Wenn Sie meine Manuskripte sähen, wäre Sie unter Umständen pikiert über die Durchstreichungen, Randbemerkungen und Verbesserungen. Wobei es sogar verhältnismäßig wenige sind. Aber für die Augen eines Menschen, der gewohnt ist, mit dem Rechner zu arbeiten und Wörter einfach zu löschen, ganze Absätze zu entfernen und neu zu formulieren, mag das ein seltsamer Anblick sein. In ihrem „Dokument“ sehen Sie all die Vorstufen, Verbesserungen und Vertipper nicht mehr. Wenn Sie sich den Spaß erlauben wollen, können Sie einmal die Funktion „Änderungen verfolgen“ einschalten, um dann doch etwas erstaunt zu schauen, wieviel Sie ändern – ohne sich dessen bewußt zu sein.
Der meiner Meinung nach maßgeblichste Punkt, der sich durch den Rechner verändert, ist die Art des Denkens selbst.
Wir beginnen auf dem Bildschirm zu denken, werfen Formulierungen hin, schauen Sie an, löschen Sie wieder, feilen daran herum, bis wir mehr oder weniger zufrieden sind. Abgesehen, von dem nicht zu unterschätzenden Punkt, daß die endgültige Formulierung zwangsläufig gekünstelt sein muß im Vergleich mit unserem Sprechen, zeitigt sich vor allem ein maßgeblicher Unterschied zum Hand-Schreiben. Hier nämlich müssen wir zuerst denken, im Kopf formulieren und dann erst den Satz auf das Papier bringen.
Wir lagern unser Denken aus.
Vielleicht können wir bald gar nicht mehr ordentlich Denken, Schreiben, Reden, ohne am Bildschirm herumbasteln zu können.
Eine Erfahrung war für mich in dieser Hinsicht wahrlich augenöffnend: Bis einschließlich des „Dichterbrand“es hatte ich es mir zueigen gemacht, kürzere Texte und interessanterweise Verserzählungen mit Hand, längere Prosatexte aber direkt am Rechner zu schreiben. Die Überlegung dabei war eine ganz schlichte: nämlich, daß es zu viel Zeit kosten könnte, einen mit Hand geschriebenen Roman komplett abzutippen.
Die letzten drei Romane (Gläserner Sarg, Krimifrass und Navigator) schrieb ich komplettt mit Hand, um sie dann zu digitalisieren. Das Erstaunliche: Am Dichterbrand verbrachte ich an reiner Schreibzeit ein gutes halbes Jahr (dem natürlich weitaus mehr Zeit an Recherchen vorausgegangen war). Gläserner Sarg, Krimifrass und Navigattor brauchten an reiner Schreibzeit wesentlich weniger – der Sarg kaum einen Monat. Und, und das ist noch wesentlich wichtiger, der Arbeitsprozeß war weitaus angenehmer und flüssiger, und es wirkte sich positiv auf den Erzählstil aus: der blieb zwar der Gleiche, aber es fielen einige Künstlichkeiten weg, was ihn vergnüglicher und eingängiger machte – und auch eindringlicher.
Das ist nur zum Teil dem Vorgang des Schreibens an sich gestundet – auch wenn es eine ganz andere Sache ist, ob man die immer gleichen Tasten berührt und auf die immer gleichen 17 Zoll Bildschirm starrt – oder ob man mit den ausgreifenden Bögen der Schrift sich ähnlich hinein gestikulieren kann wie mit den Händen im Reden, während man überall – auf einer Parkbank mit weitem Blick über Berge und Täler, in einem verrauchten Cafe – an der Geschichte arbeiten kann, wenn sie ruft.
Eines, das man nicht überschätzen kann, ist das Verzetteln. Der Mensch neigt dazu, sich ablenken zu lassen, zumal von Dingen, die anstrengend sind – und schreiben ist anstrengend, und soviel Freude es auch schenken mag, oft genug ein Kampf bis aufs Blut.
Heute gibt es tausend Ablenkungen , sobald der Rechner angeschaltet ist, zumal wenn man sich aktiv in der Welt da draussen bewegt – eingehende Mails, Nachrichten, ein Ding, das man gerade Nachschlagen möchte, um dann vom Hütchen aufs Stöckchen kommend gänzlich aus dem Fluß der Geschichte heraus gerissen zu sein.
Das allzu leichte Korrigieren von Text scheint uns des Vorformulierens im Kopf zu entheben – oder sollte ich sagen: des klaren, wohlgeordneten Denkens überhaupt? Und das wikipedische Ständignachschlagen der Notwendigkeit, tatsächlich etwas im Kopf zu behalten. Die Copy-Paste-Generation ist so zitatfreudig wie nie, aber hat einen ganz bemerkenswerten Mangel an klar Gewußtem, sobald kein Rechner in Reichweite ist.
Gehirn, Gedächtnis und Denken sind wie alles an uns eine Art Muskel, der erschlafft, wenn er nicht benutzt wird. Wir passen uns, wenn wir denn nicht steuernd entgegen wirken, auf dem niedrigsten Level an.
Ich finde, daß die Schrift und das Schreiben ein schönes Beispiel dafür sind, wie sehr sich das in alle unsere Lebensbereiche auswirkt. Unser Verständnis liegt nicht mehr in der Einmaligkeit, so wie ein geschriebener Text einmalig ist, wurde er mit den nur ein einziges Mal in dieser Stimmung von diesem Menschen bewegten Hand ausgeführt. Wir sind geistig zu Massenprodukten geworden, die selbst an Freunde Massenmails schicken, anstatt einige persönliche Worte. Die tausendfach kopierte Hörbücher hören anstatt eine Lesung, die so nur ein enziges Mal geschieht, einen Film anstatt ein Theaterstück, eine CD anstatt das Konzert. Eine Weltt aus lauter Kopien zusammen gestückelt, die das wesentliche nicht zu transportieren vermögen – oder können ein Paar Boxen den realen, schwitzenden Musiker ersetzen, dessen Blick wir begegnen, dessen Liebe zur Musik, dessen Anstrengung ansehen können? Es scheint, als ob dieses Empfinden von der Unechtheit, die unsere Welt mehr und mehr ausmacht, durchaus wach ist – vielleicht der Grund, warum man von den toten Kopien so viel wie möglich ansammelt, Festplatten gigabiteweise mit Filmen, Musik, Hörbüchern und Bildern vollfrachtet, und sich vielleicht wundert, tief drinnen, daß eine handgroße Festplatte nicht dasselbe Gefühl macht wie eine wohlsortierte Bibliothek, obwohl hundertmal mehr Bücher darinnen sind, von denen aber wahrscheinlich nicht eines gelesen wurde.
Oder trotz nach hunderten zählender „Freunde“ in Social Networks, die digitalen Wortsalat auf Pinnwänden hinterlassen, irgendwie auch nicht ansatzweise ein Gefühl entsteht wie bei einem mit Hand geschriebenen Brief, der ein paar Tage unterwegs gewesen endlich in unsere Hand findet.
Ich denke, es ist an der Zeit umzudenken.
Zum Beispiel, indem wir zu den durchgestrichenen Zeilen in einem Text stehen, die uns zeigen, daß wir nicht vollkommen sind, das alles wie ein Text nicht einfach da ist, sondern Übung und Irrtümer bedarf, um schließlich gut zu werden.
Das alles ließe sich denn doch aber auch auf einer Schreibmaschine umsetzen, wenn man denn wirklich – was den schöpferischen Prozeß angeht – vom Rechner Abstang nehmen wollte. Und das hätte den Vorteil, daß der Text sich einfacher per OCR digitalisieren ließe.
Dem kann ich nur entgegenhalten, daß auch die Schreibmaschine uns der Feinmotorik enthebt, die das Schreiben ausmacht, dem gleichmäßigen, ausgewogenen Fluß der Handbewegungen – und dieses gleichmäßige Bewegen, das Formen der Schrift formt auch Charakter und Konzentration. Abgesehen davon mag zwar eine Schreibmaschine ohne Strom funktionieren und mich zumindest theoretisch in die Lage versetzen, auf schöner Wiese sitzend zu arbeiten und den Blick über die Sieben Berge schweifen zu lassen. Aber es wäre doch höchst unbequem, eine Schreibmaschine mit herum zu schleppen.
Mein Arbeitsmaterial beschränkt sich auf zwei Füllfederhalter und ein jackentaschengrosses Buch.
Und es klappert nicht.
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Norman Liebold sagt am
5. September 2009
Richtig, das ist der transcribierte handschriftliche Text… |
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Computerarbeit - un|we|sen sagt am
5. September 2009
[...] Norman Liebold philosophiert ueber das Handschreiben, und schliesst, dass durch Arbeit am Computer dem Endergebnis etwas verloren geht. Hier meine Reaktion darauf. [...] |
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Jens sagt am
5. September 2009
Ich habe mal auf meinem Blog geantwortet… etwas viel fuer einen Kommentar hier. Der Pingback oben hat den Link. |
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Jens sagt am
5. September 2009
Unfug! Bei einem so langen Text musste ich mit einem Widerruf beginnen, bevor ich mich der Argumentation widme. Ich verstehe genau, was Du meinst, denke aber dass Du zwei Dinge miteinander vermischst, die man getrennt betrachten sollte. Da ist zum einen das Denken, das vonnöten ist, einen kreativen Akt wie Schreiben zu vollziehen. Auf der anderen Seite steht das das Handwerk an sich. Der grösste Teil Deines Textes beschäftigt sich damit, dass das Handwerk des Schreibens trivialisiert wird, wenn wenig Mühe in den Akt investiert wird. Daraus schliesst Du — und den Schluss halte ich für zu schnell — dass ebensowenig Mühe in das Denken gesteckt wird, ja werden muss. In der Tat muss ich, wenn ich handschriftlich einen Text verfasse, mir vor dem Schreiben zumindest eines einzelnen Satzes die Gedanken darüber machen, wie genau das Resultat auszusehen hat, das ich mir erhoffe. Dann schreibe ich. Tippe ich den gleichen Text am Computer, mache ich mir genau die gleichen Gedanken. Der Computer denkt dabei nicht für mich – das heisst, von einer Auslagerung des Denkens kann nicht gesprochen werden. Was der Computer tut ist, meine Gedanken zu visualisieren. Er erlaubt mir dadurch, mein Kurzzeitgedächtnis auszulagern. Das Kurzzeitgedächtnis hält je nach Mensch so um die vier bis neun Einträge, nach heutigem Stand der Wissenschaft, wobei jeder Eintrag beliebig komplex sein kann. Das ist wie mit Deiner vielgeliebten Symbolik: Anstatt mein Kurzzeitgedächtnis mit minutiösen Beschreibungen zu überfüllen, wie ein idealisierter Geschichtenerzähler zu funktionieren hat, nennt man ihn einfach Nahtegal und hat damit alles zusammengefasst, was man meint. Der Computerbildschirm dient dazu, das Kurzzeitgedächtnis freizuhalten, und die minutiöse Beschreibung dennoch vor Augen zu halten. Er ermöglicht einen frischen, unvoreingenommenen Blick auf das Ergebnis des bisherigen Denkens. Man könnte sagen, er befreit die Gedanken. Der Computerbildschirm dabei aber auch nichts besonderes. Als ich kürzlich einen Bekannten bat, mir ein Logo für ein Computerprogramm zu entwerfen, dass ich für einen Wettbewerb fertigstellte, überraschte mich dieser Mensch mit 21 handgezeichneten Skizzen, bevor er überhaupt erst begann, sich Gedanken über die Detailarbeit zu machen. Ich bin mir sicher, dass der Gute mit dieser Methode nicht alleine da steht. Was mich eigentlich überraschte war nicht die Tatsache dass er Papierskizzen anfertigte, sondern dass man normalerweise von Künstlern eher eine Vorauswahl aus seinen Skizzen präsentiert bekommt. Wobei sich bei genauerem Hinsehen ergab, dass dies hier auch der Fall war. Daheim in seinem Skizzenbuch existeren wohl noch einige Skizzen mehr. Ich denke, der Begriff “Skizze” ist genügend alt und genügend bekannt, um zu verdeutlichen, welche Rolle der Computer hier einnimmt. Daher möchte ich mich gar nicht weiter darüber auslassen. Allerdings bestehen Unterschiede zwischen der Skizzierung am Computer und auf dem Papier, nämlich in der Geschwindigkeit und im Verwerfen. Je nachdem, von welcher Kunstform man spricht, ist eine Skizze schneller von Hand oder am Computer anzufertigen. Texte tippe ich bspw. schneller am Computer — müsste ich hingegen eine bildliche Skizze anfertigen, wären Papier und Stift das bequemste Medium. Somit ist — zumindest was mich angeht — die Geschwindigkeit stark abhängig vom Kontext, und kein wirklich typischer Unterschied zwischen Computer- und Papierarbeit. Das heisst, natürlich besteht dieser Unterschied, ist aber nicht auf die Arbeit mit dem einen oder anderen Medium verallgemeinbar. Der zweite Unterschied, das Verwerfen, ist in der Tat deutlicher: wenn ich versuche, meine Computerskizze zu verfeinern, dann verwerfe ich immer meine vorherige Arbeit. Es ist schwierig — nicht unmöglich — eine Verzweigung in meiner Arbeit später nachzuvollziehen. Mit einer Verzweigung meine ich hier, dass ich ausgehend von einer Papierskizze beispielsweise zwei Varianten dieser Skizze zeichnen würde, um mir vor Augen zu halten (noch so ein alter Ausdruck der die Arbeitsweise beschreibt), welche Variante besser gefällt. Verwerfe ich immer meine vorherige Skizze mit jeder neuen, ist dies schwerer, und der Fortschritt nicht so deutlich nachvollziehbar. Es ist natuerlich immer möglich, diese Form des Arbeitens auch am Computer zu vollziehen, die Bedienoberfläche der Programme, die wir verwenden, bietet sich dafür allerdings nicht gerade an. Möchte man mit aller Gewalt die Arbeit am Computer kritisieren, so könnte man also die These aufstellen, dass die Vielfalt der Variationen eingeschränkt wird, die man beim skizzieren durchläuft — weil das unwiderrufliche Verwerfen viel zu einfach ist. Oder das Erstellen und Vergleichen verschiedener Varianten viel zu schwer, wie man das auch immer sehen mag. Ersetzt Computerarbeit damit den Denk-Teil des kreativen Prozesses – oder wir das Denken ausgelagert? Mitnichten, das bleibt meines Erachtens weiterhin Unfug. Die Veränderung der Vorgehensweise ist hingegen nicht zu leugnen – allerdings vermute ich, dass persönliche Neigungen, die gewählte Kunstform, Mondphasen und alles mögliche andere eine grosse Rolle dabei spielen, ob das Ergebnis wirklich beeinträchtigt wird. Ich verstehe ja, warum Du, Norman, Dich ärgerst — oder den Verlust des Handschreibens traurig findest. Handarbeit ist auch etwas schönes. Deinen Kritikpunkt, dass Computerarbeit dem Ergebnis etwas künstliches verleiht, würde ich allerdings anders formulieren: eigentlich erlaubt sie einen Grad der Perfektion der mit Handarbeit nicht oder nur viel schwieriger zu erreichen ist. Als handarbeitender Künstler mag man das an sich schon für beleidigend anders halten, aber das halte ich auch nicht für den Kern des Problems. Ich finde es dabei spannend, dass die Kritik an allzu perfekter Kunst schon im alten Japan ausgesprochen wurde. Daraus ergab sich die Praxis, einem Kunstwerk bewusst Imperfektionen zuzufügen, um es, sagen wir mal menschlich zu halten. Der Töpfer beispielsweise macht seine Tasse etwas krumm, oder schlug ihr nach Fertigstellung eine Kante aus. Nicht zuletzt liegt dem Risse bildenden Lack bei dieser Töpferei Schlamperei zugrunde, sondern er wurde in Feinstarbeit entwickelt, um eben Risse zu bilden. Da die Form der Risse nicht vorhersagbar war oder ist, könnte man das Brennen des Töpferwerks mit der Geburt vergleichen: bis hierhin habe ich als Künstler mich bemüht, alles so gut wie möglich zu machen. Jetzt, chaotische Welt, nimm Deinen Einfluss darauf. In diesem Sinne kann ich Dein Handschreiben nur würdigen. Arbeit am Computer muss dabei aber nichts schlechteres sein: einen Grad an Imperfektion erreicht man beispielsweise auch, wenn man unter Zeitdruck arbeitet — egal mit welchen Werkzeugen. |
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Normal Liebold sagt am
6. September 2009
Ich konnte mich natürlich nicht enthalten, mein Lieber, den Text zum einen hier herüber zu holen, zum anderen in einem neuen Beitrag darauf zu antworten: Hier nämlich. |