Lebenswelten sind unterschiedlich gestaltet, das ist eine der großen wunderbaren Buntheiten unserer Existenz. Ebenso wie aus diesen Unterschiedlichkeiten Wachstum, Befruchtung und stetig zunehmendes Weltverständnis quellen und keimen kann, gibt es auch Raum für eigenartige Verwerfungen und … Interferenzen.
Der nomadisch lebende Kulturschaffende1 stellt irgendwann fest, daß diese Interferenzen geradezu gefährlich für Leib und Leben werden.
Gemeinhin, das Angenehme mit dem Nützlichen mit dem Notwendigen verbindend, stellt sich in etwa folgende Situation ein: Der KS2 hat irgendwo einen Auftritt, Auftrag, Besprechung und besucht, da er in der Stadt ist, entweder alte Freunde oder hat genügend interessante neue Menschen kennengelernt, um sie langsam zu solchen zu machen. Für die Sesshaften ist der hereinwirbelnde Nomade auch in den Zeiten von Internet und Fernsehen noch immer etwas besonderes, und sei es auch nur, daß man sich nach etlichen Monaten endlich mal wieder sieht. Ein Fest, wenn man es so will, wo die Gespräche notwendig bis zum Morgengrauen unter Konsumierung diverser geistiger Genussmittel andauern. Selbiges gilt zumeist auch für die Nacht nach Vorstellung oder Vernissage oder Konzert.
Das ist wunderbar und sehr angenehm. Das “Fest” ist vorbei, etwas zerknautscht mit etwas schwerem Kopf und verquollenen Gesichtszügen kratzt man sich am Morgen aus der Koje, pumpt ein paar Liter Espresso in sich hinein, duscht möglichst kalt und stellt sich dem Tagewerk. Man kennt das. Die Interferenz wird hierbei von den meisten Seßhaften nicht registriert. Der Nomade reist mit den besten Wünschen und bis zum nächsten Mal ab, der Alltag rollt herein, man tankt Schlaf und Ruhe und läßt den Körper langsam entgiften.
Der Nomade aber fährt weiter, und am Abend ist er auf einer Vorstellung, Konzert oder Vernissage, hat einen Auftritt, Auftrag, Besprechung und besucht alte Freunde … und will natürlich nicht unhöflich sein, wenn mit leuchtenden Augen die besondere Flasche Wein ihm vor die Nase gestellt wird aus Freude drüber, daß man sich nach Wochen, Monaten, Jahren mal wiedersieht oder wegen der gelungenen Vorstellung oder weil die Lesung schlecht besucht war oder um einen Auftrag zu begießen, weil er begonnen wurde. Oder weil er beendet wurde. Oder weil er grad sehr gut läuft. Der Besuchte verabschiedet etwas zerknautscht den Nomaden am Morgen. Der Nomade … fährt weiter und nach einer gewissen Zeit, nach ein paar Jahren, spürt er, das er sehr, sehr müde wird. Und gereizt. Sich nach Ruhe sehnt. Er stellt fest, daß das matschige Gefühl im Kopf zur Normalität zu werden beginnt und ihm das nicht gefällt. Vielleicht zieht er sich in ein einsames Gebirge in einen Zirkuswagen zurück. Das ist dann oftmals der Moment, wo man voller Begeisterung über das Gebirge und die Einsamkeit und den Zirkuswagen mit einer Kofferraumladung voll geistiger Konsumgüter zu Besuch kommt.
Ich denke, das “nomadeskes Problem des Weltentänzers” ein durchaus angenehmer Begriff dafür ist. Und, sogern der Nomade auch den Sinnengenüssen von Natur aus zugeneigt ist, irgendwann dämmert ihm, daß Paracelsus recht hat, wenn er formuliert: Sola dosis facit venenum.3 Und er muß gewisse Maßnahmen ergreifen, dieFreunden und ebenfalls sinnenzugewandten und zum Teil auch gerade deswegen geschätzten Menschen unter Umständen unverständlich sind – zum Beispiel, wenn dieser lebensfrohe Durchdieweltreiter plötzlich abstinent wird.
Das sind einfach Interferenzen und Verwerfungen in der wunderbaren Buntheit unserer Existenzweisen, und ich glaube nicht, daß die Farbenpracht dadurch im geringsten abnimmt, daß man nicht mehr doppelt sieht.
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Jens sagt am
23. Januar 2010
Gut fuer Dich! |