Norman Liebold nach Vollendung des letzten Satzes von 'Versichert'

Norman Liebold beim letzten Satz. Typische Endszenenerschöpfung an den Augenringen kenntlich. Foto: Alex

Der letzte Satz, das letzte Wort, der letzte Punkt im Manuskript ist gesetzt. Die erste Geschichte für “Ansichten eines Aktmodells” vollendet. Zwar muß ich mich jetzt den cyberesken Teil des “Cyberspielmanns” aktivieren, um den Text nunmehr vom Handgeschrieben, von den wunderschönen geschwungenen Linien sepiafarbener NoodlersInk in die ewiggleichen Krakel typographischer Vektoren zu transformieren. Achtundneunzig Manuskriptseiten, eine Weile werde ich wohl hinter den pulsierenden Plasmasträngen meines Bildschirms verbringen müssen, aber der unwägbare Teil des Schaffensprozesses, das Geschichtenspinnen, das trotz allem eben nicht ganz kontrollierbare Sprudeln oder auch Verstopfen der Erzählquellen ist abgeschlossen, und ich sehe der Premiere am Samstag mit viel Freude entgegen.


Mein treuer Jotter mit handgeschliffener Feder und Noodlers Ink Polar Brown im Konverter

Mein braver Jotter...

Es ist ein seltsam befriedigendes Gefühl, durch das fertige Manuskript zu blättern, zu sehen, wo der Schreibfluß so schnell dahingleitet, daß über Seiten hinweg die Schrift sich fliegend in die Länge zieht und die Schleifen der “g”s, die ausbrechenden Bögen der “f”s, die raumgreifenden Spitzen des “K”s in eruptiver Kraft sich wie wilde Explosionen über das Papier ziehen. Oder wo an einem Absatz, an einer Szene wild gekämpft worden ist, voller Durchstreichungen, Randbemerkungen, die Schrift klein und angestrengt. Oder diese langen Passagen ganz gleichmäßigen Erzählens, wo Ruhe aus dem Staben spricht. Die gewellten Seiten, wo mir der Nieselregen egal war (Noodlers Ink sei Dank, die sich gar nicht um Nässe schwert). Oder, tatsächlich, ungelogen, jene gewölbten Stellen auf den letzten Seiten, die, würde sie ein Chemiker untersuchen, einen hohen Salzgehalt hätten, denn sie rühren von nichts anderem her als – ja, Tränen, in der Tat. Da gibt es diese wunderbare Szene im Epilog, wo ich die Kullerdingerchen nicht in die Augenwinkel zurückdrängen konnten, und sie – genau wie in dem Moment bei Beorn – überquollen und auf das Papier tropften. Da sind diese Seiten, die man im Bett vorgelesen hat, während sich schnurrend etwas Bezauberndes an einen kuschelt und man gemeinsam, kichernd, einen Moment lang über ein Wort rätselt, daß im Schreibfluß arg zu explosiv auf das Papier kam und ein wenig unleserlich ist. Oder die spontanen Eingebungen, die man, noch an einer ganz anderen Stelle des Textes, für die kommende Szene an den Rand notiert hat, Wendepunkte zum Teil, wo die Geschichte ganz deutlich sichtbar die Macht an sich reißt und sich mit breiter Stirn gegen das Konstrukt, gegen das Korsett wehrt, in das man sie hinein-zügelt.


Manuscript von 'Versichert', auf der letzten Seite aufgeschlagen. Foto: Norman Liebold

98 Seiten, damit habe ich selber nicht gerechnet, um ehrlich zu sein. Fühlt sich aber wirklich gut an zwischen den Fingern...

Und, natürlich, das überaus angenehme, ja sogar stolze Gefühl, wenn man die Dicke des beschriebenen Papiers zwischen den Fingern fühlt, die reine physische Wirklichkeit dieser Tage des Schreibens. Kein Scrollen am Bildschirm ist damit vergleichbar, denn in jeder Faser, jedem Farbpigment atmet noch die Bewegung der Hand, verwandelt sich unbeschriebenes Papier in erzählende Stränge geschwungener Schriftzüge… soweit darüber, und jetzt ans Diktieren und Tippen… die Geschichte, deren erste Skizze sich im Tagebuch vom Februar 2009 direkt nach dem automobilsierten Flug von eisesglatter Straße über den Straßengraben hinweg in eine raureifbeglitzerte Nachwiese entstand, die drei Anfänge hinter sich hat, um an schönen, vertrauten Hagebuttenteeherbstabenden mit Freunden ebenso zu wachsen wie an neuen Bekanntschaften, muß noch den kleinen Weg zur Digitalisierung gehen, ehe sie den Anfang der “Ansichten” machen kann. Besonders schön finde ich, daß die erwähnten Paten sich übermorgen alle versammeln werden, um in Juttas Kunstscheune zu lauschen.


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