Es will mir schon fast wie eine Art “historischer Moment” vorkommen: Auf Seite 30 des Manuscriptes von “Ansichten eines Aktmodells” steht die Überschrift “Euthanatus”. Tatsächlich ist dies die erste der Geschichten des Modells, und sie wird nächsten Samstag ihre Feuertaufe bei dem wundervollen Event im Figurengarten von Michael Franck in Alfter feiern dürfen. Das war ein langer Weg, denn die erste Idee zu dieser Geschichte erzählte ich mSternchen auf dem Dach meiner Mansarde in Aachen 1998. Und es gab wohl keine Novelle, die so oft in meinen Geist zurückgekommen ist, die so oft danach verlangt, endlich niedergeschrieben zu werden. Damals schrieb anstatt dessen die “Vampyriade”1, wo zumindest das Thema selbst gestreift wird. Heute Morgen erzählte ich die Idee zum letzten Mal Landi Graywolf, und endlich – es ist ein ewiges Geheimnis, warum und wie eigentlich – spürte ich: sie ist reif. Ich habe nebenbei das Gefühl, daß ich das im Laufe der Niederschrift von “Ansichten eines Aktmodells” noch etliche Male werde erzählen können, denn kurioserweise – oder eigentlich gar nicht kurioser Weise – rutschten wie von selbst einige dieser bestimmte Themenkomplexe berührende “alte” Geschichten mit dem Aktmodell plötzlich an ihren Platz.
Natürlich ist das eigentlich nicht weiter verwunderlich, schon allein deswegen, weil ich den “Novellenkranz” bereits im Sommer 2008 ausführlichst unter “Projekte” im Tagebuch festgehalten habe und die “Ansichten” seit Anfang 2009 beständig wachsen. Tatsächlich ist es gar nicht richtig zu sagen, daß ich erst jetzt die “Ansichten” begonnen habe, den “Versichert” gehört genauso dazu wie die nachfolgende Novelle “Der Stift” – die drei Geschichten sind lediglich so umfänglich, daß sie je ein eigenes Buch ergeben werden.
Es ist stets so, daß, wenn sich der Geist intensiv mit etwas beschäftigt, auch die Erlebniswelt sich darauf einstellt. Vielleicht mag es auch so sein, daß die Erlebniswelt von höherer Instanz aus so eingerichtet wird, daß man um die Niederschrift nicht mehr drum herum kommt, weil die Geschichte geschrieben werden soll – aber das ist zu mystisch, um es ungebrochen zu formulieren. Jedenfalls ist das Thema des “Euthanatus” seit einiger Zeit hochgradig aktuell, und ich werde an allen Ecken und Enden darauf gestossen. Vielleicht ist jetzt auch einfach der Moment gekommen, diesen Themenkomplex aufzulösen – oder “loszulassen”, wie Maxim sagen würde.